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[07.Jan.2008] "Arbeit ist wie eine Erkältung"

Pro mente austria: Herr Professor Bergmann, Sie haben vor 25 Jahren in den USA die „New-Work-Bewegung“ begründet. Was sind denn die wesentlichen Kernthesen der “Neuen Arbeit“?

Prof. Bergmann: Also das ist eigentlich kindereinfach. Die alte Arbeit ist Arbeit, die man erträgt und aushält, die man erleidet. Viele Menschen erleben diese Arbeit wie eine leichte Krankheit, eine Erkältung. Da sagt man: „Ah, es ist ja schon Mittwoch, bis Freitag halt‘ ich’s aus“. Das ist das Wesen der alten Arbeit, die man überdies im Schweiße seines Angesichts tut...

Pro mente austria: ... und die neue Arbeit...

Bergmann: ... ist im Gegensatz dazu Arbeit, die man tun will. Arbeit, die man aus Überzeugung tun will, weil man daran glaubt, weil sie etwas bewegt, weil sie einem entspricht. Dafür hat sich das Motto: „Arbeit, die ich wirklich, wirklich will“ eingebürgert. Jetzt ist der nächste Schritt notwendig und der ist eigentlich ganz einfach. Wir sind reich genug, um diesen Schritt jetzt unternehmen zu können...

Pro mente austria: ...um dann nur mehr das zu tun, was ich wirklich, wirklich will?

Bergmann: Nein, es dreht sich absolut nicht darum, dass man nur das tut, was man wirklich will – weder in der Arbeit, noch sonst im Leben, sondern dass man wenigstens die Frage stellt: „Ja, was für eine Arbeit würde ich eigentlich wirklich gerne tun? Was ist es denn, was ich im Leben will?“

Pro mente austria: Sie sind mit 19 Jahren aus Oberösterreich in die USA gegangen und haben sich dort vom sprichwörtlichen Tellerwäscher zum Universitäts-Professor hochgearbeitet. Haben Sie dabei immer das tun können, was Sie wirklich, wirklich wollten?

Bergmann: Also, im Großen und Ganzen, ja. Aber ich war ja auch Fabriksarbeiter, Hafenarbeiter, Arbeiter in Wäldern und weiß der Kuckuck was noch alles – und das war sicherlich nicht immer nur das, was ich wollte. Aber für die großen Augenblicke meines Lebens ist die Antwort „Ja“. Ich habe etwa mit Boxen gutes Geld verdient und erfolgreich Theaterstücke geschrieben. Aber mir wurde klar, dass all dies nicht das war, was ich eigentlich wollte. Obwohl der Applaus natürlich eine ganz potente Droge ist und ich davon sehr abhängig geworden war. Aber ich habe erkannt, nein, das ist es nicht. Ich habe dann Philosophie studiert und schließlich in Princeton unterrichtet. Also Princeton ist schon sehr renommiert, natürlich, aber nach einem Jahr habe ich gedacht, nein, das ist es nicht, was ich eigentlich wirklich will.

Pro mente austria: Es ist doch ungewöhnlich, dass sich jemand gerade im Erfolg immer wieder die Frage stellt: „Ja, ist es das, was ich wirklich, wirklich will?“ Viele glauben nicht an diese Möglichkeit, die eigene Arbeit immer wieder so in Frage stellen zu können. Wieso konnten Sie das?

Bergmann: Erlauben Sie mir, hier nicht ganz mit Ihnen übereinzustimmen. Also ich würde sagen, bei sehr vielen Menschen taucht schon von Zeit zu Zeit die Frage auf: „Ist es das, was ich wirklich will? Ist es noch das, was ich ursprünglich wollte?“ So selten, so ungewöhnlich ist das gar nicht. Aber bei mir hat von Anfang folgender Grundgedanke eine Rolle gespielt: „Wenn ich jetzt das nicht tue, dann sind die Konsequenzen verheerend“. Wäre ich ein paar Jahre das geblieben, was ich damals war, dann wäre aus mir wahrscheinlich ein alkoholkranker Obdachloser an irgendeiner Straßenecke in Manhattan geworden.

Pro mente austria: Wieso das?

Bergmann: Weil ich glaube, dass ich im Theater doch eine Art Zynismus gesehen habe - da hätte ich wahrscheinlich einen Absturz erlebt. Oder wenn ich wirklich nur ein Professor geblieben wäre. Ich war auf vielen Kongressen und habe da andere Philosophieprofessoren beobachtet und bekam da einen Schüttelfrost und habe mir gesagt, um Gottes Willen, ich hoffe, dass ich nicht einmal so werde. Ich habe dann eben etwas anderes versucht.

Pro mente austria: Ich denke, dass es viel Mut und Selbstvertrauen braucht, immer wieder Arbeit und Ort zu wechseln. Doch gerade Menschen mit psychischen Problemen tun sich hier schwerer. Wie passt das jetzt mit Ihrer Idee zusammen, Arbeit mehr und mehr selbst zu organisieren?

Bergmann: Wunderbare Frage. In den Jahren zwischen 1982 und 84 habe ich zum ersten Mal den Vorschlag gemacht, Arbeiter nicht zu entlassen, sondern Teilzeit, also sechs Monate, in der Fabrik arbeiten zu lassen und ihnen den Rest der Zeit die Möglichkeit zu geben, herauszufinden, was sie wirklich wollen, um damit Geld zu verdienen. Da gab es natürlich den Einwurf: „Das ist ja lächerlich, nach 20 Jahren am Fließband weiß kein Mensch mehr, was er wirklich will.“ Und genau daraus hat sich die ganze New-Work-Bewegung entwickelt. Nämlich aus der Einsicht, dass dies herauszufinden eine ganz entscheidende Aufgabe ist. Das passt wunderbar zu dieser Konferenz und zu pro mente. Nämlich Menschen darin zu unterrichten, herauszufinden, was sie wirklich wollen. Das ist der eigentliche Kern der neuen Arbeit.

Pro mente austria: Und wie kann man Menschen unterstützen herauszufinden, was sie wirklich, wirklich wollen?

Bergmann: Das passt auch wieder gut zur CEFEC-Konferenz. Denn man kann das eben nicht alleine herausfinden, man braucht dazu die Unterstützung von und Gespräche mit anderen. Es hat damit zu tun, dass wir uns selber gegenüber so unverschämt blind sind, dass wir etwa Eifersucht bei anderen sofort erkennen, aber nicht in uns selbst. Und paradoxerweise gilt das auch für das Herausfinden, was man im Leben wirklich will. Es klingt ja, als ob dies das aller Einfachste und Selbstverständlichste wäre. Doch genau das ist besonders schwierig.

Zur Person. Frithjof Bergmann ist Autor und emeritierter Professor für Philosophie der Universität Michigan. 1944 in Sachsen geboren und in Österreich aufgewachsen. Als 19jähriger gewinnt er mit einem Aufsatz ein Studienjahr in Oregon und bleibt von da an in den USA. 1984 gründet er das „Center of New Work“ in Flint, Michigan, um von Kündigung bedrohten General-Motors-Arbeitern zu helfen. Heute berät er etwa die Regierung von Südafrika.

Web-Tipp: www.neuearbeit-neuekultur.de 

Die Fragen stellte Gottfried Roithinger für pro mente austria am Rande der Europa-Konferenz CEFEC in Linz. Fotos: Pölzl.



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