BILDUNG UND WISSEN LEBENSLANGER PROZESS Die Bildung eines Menschen ist kein „Status-quo-Produkt“, sondern ein „sich entwickelnder, immer wieder neu zu schaffender Prozess“ im Lebenslauf. Richard Sennett geht davon aus, dass heutzutage ein junger Amerikaner mit mindestens zweijährigem Studium damit rechnen muss, in 40 Arbeitsjahren wenigstens 11-mal die Stelle zu wechseln und dabei seine Kenntnisbasis wenigstens drei Mal austauschen muss. Dies ist als Hinweis zu verstehen,dass Bildung ein lebenslanger Prozess ist und bleibt – im Sinne des lebenslangen, lebensbegleitenden Lernens. Wie sieht das Thema „Bildung“ nun im psychosozialen Arbeitskontext aus? Diese Frage soll anhand der drei Bereiche „Professionisten/ MitarbeiterInnen in der Sozialpsychiatrie“ – „KundInnen“ – „Unternehmen“ näher behandelt werden. 1. PROFESSIONISTINNEN Wenn man heutzutage Stellenanzeigen liest, so ist der „moderne Mitarbeiter“ flexibel, teamfähig, einsatzbereit, belastbar und konfliktfähig, hat zudem eine höchste Ausbildung inkl. Berufserfahrung. Es gehört zum Selbstverständnis der Sozialpsychiatrie, dass neben einer fundierten Grundausbildung die Weiterbildung einen hohen Stellenwert einnimmt. Es braucht aber dazu unterstützende Rahmenbedingungen, die derzeit noch nicht Arbeits-Alltags-Realität sind. 2. KUNDINNEN KundInnen sind Menschen, die psychosoziale Dienstleistungen in Anspruch nehmen. Aufgrund verschiedenster Lebensumstände und -geschichten sind diese Menschen auf Hilfe angewiesen. In einem hoch entwickelten Land wie Österreich sollte dies eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein. Dass dem nicht (immer) so ist, wissen all jene, die mit diesen Menschen arbeiten. Im Kundenkontext psychosozialer Dienstleistungen spricht man eher von Qualifizierung und Training – ein spezifischer Weiter-Bildungs- Begriff. Die Frage nach „Bildung“ für Kunden fällt unter die verschiedensten Anspruchsgrundlagen. Nimmt man die Arbeitsmarktpolitik als Beispiel heraus, so gilt das Prinzip der „Aktivierung“. Aber bitte: Die „Aktivierung“ sollte in erster Linie in der aktiven Rolle der Geldgeber gesehen werden mit dem Ziel, Menschen mit Beeinträchtigungen so weit zu fördern, dass sie von Transferleistungsempfängern wieder zu Beitragszahlern in das Sozialsystem werden. Jeder will seinen Beitrag leisten. Manche Menschen tun sich schwerer und niemand ist davor gefeit einmal krank zu werden. – „niemand wird freiwillig krank“. 3. UNTERNEHMEN Das bestehende Wissen, welches in der Sozialpsychiatrie generiert wird, ist unschätzbar viel wert für den Unternehmensbereich. Konflikte, Krisen, Veränderungen und die psychische Gesundheit sind Themen- und Wissensbereiche aus der Sozialpsychiatrie, die auch immer mehr in Unternehmen Aufmerksamkeit erlangen. Der Mensch funktioniert nicht wie eine Maschine – hier sei nur der Klassiker „burn-out“ erwähnt. Der „gesunde und gebildete Mitarbeiter“ ist „der“ positive Wettbewerbsfaktor für Österreich, schlussendlich ganz Europa. Wir können aufgrund unseres umfassenden Sozialsystems keine niedrigeren Lohnkosten erzielen, die mit anderen, in diesem Bereich weniger entwickelten Staaten, mithalten können. Wir punkten durch Knowhow, Qualität und Erfahrung. DER WANDEL DER BILDUNG Bildung zahlt sich auf jeden Fall aus. Bildung bedeutet aber nicht nur die Vermittlung von „hard facts“ im Sinne von „technischem Faktenwissen“, sondern vor allem die Entwicklung von sozialen Kompetenzen im Sinne von „soft skills“. Diese „Menschen-Kompetenzen“ wirken direkt in die sozialen Beziehungen, in denen wir leben und arbeiten, ein. Wie wir leben und arbeiten – diese Zusammenhänge befinden sich in einem steten Wandel. Daher wandelt sich auch Bildung. PRÄVENTION Den Anforderungen der Zeit fachlich gerecht zu werden und gleichzeitig dabei gesund zu bleiben, ist ein Lebensziel. Bildung kann dieses Lebensziel entscheidend unterstützen. Es ist selbstverständlich (bzw. verpflichtend), das „Pickerl“ beim Auto einmal pro Jahr zu machen – „präventive Unfallvorsorge“. Es ist auch gerne geübte Praxis, sich durch Sport fit zu halten – „präventive Gesundheitsvorsorge“. Wie schaut das nun mit Bildung aus? Auch hier ist der präventive Charakter nicht zu unterschätzen: Die Entwicklung sozialer Kompetenzen und vor allem die Freude am Erfahren von Neuem – all dies ist Bildung im präventiven Sinne, um gesund zu bleiben. Es sollte selbstverständlich sein, Gesundheits-Prävention im Kontext von Bildung zu sehen. Unwissen kann krank machen, Un-Bildung im Sinne von schlechter Bildung führt eher zu Armut und Armut macht wiederum krank – ein Teufelskreis, der durch Bildung durchbrochen werden kann. BILDUNG ALS HUMANKAPITAL Als Humankapital bezeichnet man die Summe der Kompetenzen aller Mitglieder einer Gesellschaft. Der „einzelne Kapitalanteil“ gründet sich auf dem Handlungspotenzial des Einzelnen. Da wir keine Einsiedler, sondern „Mit-Menschen“ sind und aufeinander bezogen sinnhaft handeln, spielt die Fähigkeit zum Eingehen von Bindungen eine zentrale Rolle im Kontext der Debatte um das Humankapital. Dieses Humankapital wird u. a. durch Bildung aufgebaut und spielt in wissensbasierten Volkswirtschaften „die“ zentrale Rolle. Das Verhältnis von Humankapital zu Sachkapital verhält sich wie 2 : 1. Dies zeigt die immense Wichtigkeit der Bildung in der heutigen Gesellschaft. BILDUNG ALS WETTBEWERBSVORTEIL Bildung vermittelt Kompetenzen. Diese Kompetenzen kommen dem Unternehmen zugute. Hoch qualifizierte MitarbeiterInnen sind die Voraussetzung, um auch qualitativ hochwertige Arbeit zu erbringen. In diesem Sinne bedeutet Dienstleistungsqualität nichts anderes als Kompetenz und Wissen durch Bildung auf hohem Niveau. Es kann demnach nur im Interesse der Arbeitgeber, Geldgeber und Unternehmer liegen, Bildung als das anzusehen, was es ist: unbedingte Voraussetzung für qualitätsvolle Arbeit. Und wenn Bildung von Unternehmen finanziert wird, stehen verschiedenste Töpfe zur Verfügung (z.B. AMS-ESF), die nicht unerhebliche Rückersatzquoten (von bis zu 75 Prozent) ermöglichen. BUDGETS Es gibt Budgets, die weisen keinen Euro für Bildung aus. Es gibt aber auch Budgets, die einige hundert Euro pro MitarbeiterIn dafür veranschlagen. Könnte man nicht einen Mindestsatz aus fachlicher Unternehmenssicht einfordern? Bildung hat nicht nur einen Wert, Bildung ist ein Wert an sich! Die Unterschreitung der 1 %-Grenze (vom Bruttogehalt) ist ein Eingeständnis dafür, dass Bildung diesen Unternehmen nicht wirklich etwas wert ist – für das Jahr 2008 ein Widerspruch in sich und vollkommen unvertretbar. GESUNDHEIT Wir unterscheiden gerne. Wir unterteilen die Welt in Gegensätze, Paare und Einheiten und reduzieren damit Komplexität. Die funktionale Differenzierung der Welt trifft dann auf ihre Grenzen, wenn Krisen und Probleme auftreten, die aus „ein-seitiger Sicht“ unlösbar scheinen. Gerade der psychosoziale Arbeitskontext ist durch Multiprofessionalität und „Mehr-Sichtigkeit“ geprägt. Ulrich Beck schlägt dafür die „Entdifferenzierung“ im Sinne einer „Konzentration auf den Zusammenhang“ vor. In diesem Sinne sind Bildung und Gesundheit wie zwei Seiten einer Medaille – und dies für alle drei Bereiche der hier behandelten Zielgruppen: Durch Bildung erhält man die Kompetenzen und Fähigkeiten der Mitarbeiter und baut diese noch aus, um qualitativ hochwertige soziale Dienstleistungen erbringen zu können. Die Kunden werden durch Bildung befähigt, in das Leben integriert zu sein – durch „Teil-Haben“ und „Eingebunden-Sein“. Und die Unternehmen können durch gesundheitsfördernde Maßnahmen Kosten reduzieren – bzw. noch mehr: Sie können Erträge steigern. Bildung hat einen unschätzbar hohen, gesamtgesellschaftlichen Wert. Bildung hat vielerlei positive Effekte – in sozialen Kontexten sowie auf monetärer Ebene: Kompetenzerweiterung, Handlungs- und Problembewältigungskompetenz, soziale Bindungsfähigkeit, positive Beschäftigungsimpulse, Wettbewerbsvorteile, präventive Gesundheitsvorsorge und vieles mehr. Wir leben in einer Wissens- und Dienstleistungsgesellschaft – Bildung ist „die“ Ressource und Basis für die Welt, in der wir leben und arbeiten.Krise bedeutet bekannterweise zweierlei – einerseits „Gefahr“ und andererseits aber auch „Chance“. Liegen im Thema Bildung noch Chancen in einer Wissensgesellschaft am Beginn des 21. Jahrhunderts? Zahlt sich Bildung überhaupt noch aus? Diese Frage muss mit „ja“ beantwortet werden! Alles andere wäre ein Rückschritt in längst vergangene Zeiten. Die Wissensgesellschaft durchdringt mehr und mehr unsere Lebens- und Arbeitsbereiche. Einmal Erlerntes bildet oftmals nur die Basis – reicht aber niemals für das gesamte Berufsleben aus. Die Teilnahme an der Wissensgesellschaft erhöht die Chancen der ArbeitnehmerInnen auf einen sicheren Arbeitsplatz und ist unerlässlich für die Innovationskraft eines Unternehmens. Zukunftsorientierte Weiterentwicklung bzw.Umgestaltung von Bereichen des eigenen Unternehmens kann effizient nur durch (Weiter-)Bildung und Mitarbeiterqualifizierung erfolgen.
Bildung zahlt sich immer aus – für alle Beteiligten – und dies ist auch als Aufforderung an alle „Finanzstellen“ zu sehen, dieses Faktum ernst zu nehmen. Wir sollten uns den Anforderungen der Welt
realistisch stellen und dort Geld investieren, wo es gut angelegt ist, weil es mehr als Zinsen bringt – in die Bildung der Menschen, denn: Die Welt besteht aus Menschen, im besten Falle aus gebildeten Menschen.
Und um noch abschließend auf das „sozial verantwortungsbewusste, institutionell gestützte Individuum“ als Menschenbild zurückzukommen: Benjamin Franklin sagte, „Wer Freiheit aufgibt, um Sicherheit
zu erlangen, wird beides verlieren“. Es kann aber nicht um eine „Entweder-oder-Entscheidungs-Logik“ gehen, sondern um eine „Sowohl-alsauch-Options-Logik“. Es braucht beides im Bildungskontext – Freiheit
und Sicherheit. Auf der Basis von Sicherheit im Sinne einer „institutionellen Stützung“ kann Freiheit gelingen.
Freiheit bedeutet vor allem, „sozial selbst-verantwortungsbewusst“ zu handeln. Bildung ist dafür die wichtigste Ressource in einer Wissens- und Dienstleistungsgesellschaft von heute. Denn wenn die Bildung in unserer heutigen Gesellschaft nicht forciert wird, kann dies zu einem Rückschritt in längst vergangene Zeiten führen. Daher gilt: Es gibt noch viel zu tun! Doch wir sind zuversichtlich, dass es „gebildete“ Lösungen und Menschen dafür gibt.
MMag. Gernot Koren MAS, Bildungsinstitut pro mente OÖ
Ing. Mag. Margret Korn, pro mente Salzburg
Mag. Andreas Schwab, pro mente Akademie
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