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[14.Okt.2008] Psychische Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen

WAS BEDEUTEN VERHALTENSAUFFÄLLIGKEITEN?
Nimmt die Häufigkeit psychischer Erkrankungen in den letzten Jahrzehnten zu? Wie kann man psychische Störungen im Kindesalter diagnostizieren? Welche Angebote der Behandlung für diese Kinder und Jugendlichen gibt bzw. braucht es in Österreich?

PSYCHISCHE ERKRANKUNGEN
Was sind psychische Erkrankungen? Es gibt hinsichtlich der psychischen Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter keine einheitliche und klare wissenschaftliche Definition. Wenn man davon ausgeht, dass Psyche den Gesamtprozess der sensomotorischen, kognitiven, emotionalen und sozialen Entwicklungsprozesse darstellt mit dem Ziel einer unverwechselbaren und stabilen Entwicklung von Identität, Selbst und Persönlichkeit, dann könnte man psychische Erkrankung als Abweichung dieser Entwicklung verstehen.

Im engeren Sinne werden psychische Auffälligkeiten angenommen bei Auftreten von Problemen des Fühlens, des Denkens und/oder des Verhaltens. Ein Problem dabei ist die schwierige Abgrenzung normalen Verhaltens, Fühlens oder Denkens von auffälligem oder gar pathologischem Verhalten, Fühlen oder Denkens. Wann ist traurig, wann ist wütend, wann hyperaktiv krankhaft? Viele der so genannten typischen Krankheitssymptome verschiedenster Störungen sind auch bei gesunden Menschen beobachtbare Verhaltens- oder Gefühlsvarianten. Erst durch verschiedene Kriterien, wie der Unangemessenheit eines Symptoms hinsichtlich des Alters und des Geschlechtes, die Persistenz eines Symptoms, die Häufigkeit und Dauer der Symptomatik, das Ausmaß und der Schweregrad der Störung sowie der Situationsunabhängigkeit müssen neben den spezifisch psychopathologischen Befunden berücksichtigt werden. Ein weiteres Kriterium, dies kommt noch hinzu, die Beeinträchtigung durch die Störung im Sinne eines Leidens, im Sinne der sozialen Einengung oder im Sinne der Interferenz mit der Entwicklung und den Auswirkungen auf andere, insbesondere in der primären Umgebung.
Um die Frage - ab wann ist traurig sein, ab wann ist hyperaktiv sein, ab wann ist phantasievolles Denken abnorm oder gar krank - bedarf es neben der Beachtung der oben angeführten Kriterien auch einer Erfassung der normalerweise vorkommenden Verhaltensweisen und Gefühlsäußerungen, damit man das Verhalten des einzelnen Kindes und Jugendlichen vor dem Rahmen der kulturell umgebenden Kinder und Jugendlichen sehen kann.
Daher sind epidemiologische Untersuchungen an Kindern und Jugendlichen nötig um über einen kulturgleichen Normvergleich zu verfügen. Fragebögen wie die Child Behaviour Check List (CBCL), der Strengths and Difficulties Questionnaire (SDQ) oder die Pediatric Symptom Checklist (PSC) sind international gebräuchliche Fragebögen, die mit Normstandards arbeiten. Idealerweise werden diese Daten auf nationaler Ebene überprüft.

ZWEI FAKTOREN
Psychische Erkrankungen sind für die einen Ausdruck einer erblichen Disposition oder für die anderen Ausdruck einer von schädigenden Umwelteinflüssen. Zumeist sind aber beide Faktoren in unterschiedlichem Ausmaß und Intensität an der Entstehung psychischer Erkrankungen beteiligt, welche sich noch dazu zumeist über längere Zeit hinweg aufbauen (Beispiel: Anorexia nervosa, Schizophrenie etc.). Viele Erkrankungen haben zusätzlich phasenhafte Verläufe (Schizophrenie) oder es entwickeln sich aus einer Erkrankung typischerweise eine nächste Erkrankung (Anorexie-Bulimie) oder es ist typischerweise die eine Krankheit mit einer anderen so genannten komorbiden Erkrankung (Hyperaktivität Lernstörungen) verknüpft. Eine gute kinder+jugendpsychiatrische Diagnostik berücksichtigt all diese Kriterien und erhebt diese auf verschiedenen Ebenen. Im deutschen Sprachraum wurde aus diesem Grund eine mehrdimensionale Klassifikation eingeführt und wird als „Multiaxiales Klassifikationsschema nach ICD 10“ angewandt. Dabei geht es um die verschiedenen Ebenen der diagnostischen Betrachtungsweise:

Achse I psychiatrische Diagnose
Achse II Entwicklungsstörungen
Achse III Intelligenz
Achse IV Körperliche Diagnose
Achse V Psychosoziale Belastung
Achse VI Psychosoziale Anpassung

Tabelle: Mehrachsenmodell nach dem MAS/ICD 10 [1]

Diese Art der Betrachtung psychischer Erkrankungen reflektiert das zugrunde liegende modellhafte Denken bezüglich der Entstehung psychischer Störungen, zusammen-gefasst im biopsychosozialen Krankheitskonzept.

Aus diesem Mehrebenen-Verständnis leitet sich denn auch das therapeutische kinder+jugendpsychiatrische Konzept ab. Es müssen gleichzeitig verschiedene Ebenen wie das Individuum selbst, seine Innenwelt und Beziehungsgestaltung, die Fa-milie und die fernere Umwelt (Schule, Kindergarten etc.) berücksichtigt werden sowie die Interaktionen dieser Gruppen und Personen. Eine gute kinder+jugendpsychiatrische Therapie umfasst daher immer die krankheitsspezifischen Behandlungsstrategien einerseits (Psychoedukation, Psychotherapie, Medikamente etc.), die (Re-)Integration des Kindes oder Jugendlichen in seine Umwelt andererseits. Weiters die Betreuung der umgebenden Systeme (Familientherapie, Helferkonferenzen) sowie die Kooperation mit anderen Systemen (Schule, Jugendwohlfahrt).

Die Kinder-und Jugendpsychiatrie - seit 2007 ein eigenes medizinisches Sonderfach - ist jenes Fachgebiet, das sich mit psychischen, entwicklungsbedingten, sozialen oder neurologischen Auffälligkeiten und Krankheiten von Kindnern und Jugendlichen bis zum 18. Lebensjahr befasst.

VERSORGUNGSSITUATION
Bei einer Häufigkeit von bis zu 8 % psychisch manifest erkrankter Kinder und Jugendlicher und von bis zu 15 % von psychischer Krankheit bedrohter Kinder und Jugendlicher bedeutet das in Österreich (Volkszählung 2001 1.838.139 Bewohner < 19 Jahre) 147.045 kranke und 275.720 bedrohte Kinder + Jugendliche. Diesen knapp 400.000 Kindern und Jugendlichen steht zurzeit leider keine flächendeckend ausgebaute und zahlenmäßig ausreichend ausgestattete kinder+jugendpsychiatrische Versorgungssituation gegenüber. In Anlehnung an internationale Standards sollte laut Berger et al. 2006 jedes Bundesland über niedergelassene Kinder+JugendpsychiaterInnen, über Ambulanzen, Tageskliniken und stationäre Behandlung an mindestens einer eigenen Abteilung für KJP mit Differenzierung in Kinder-, Jugend- und Akutstation mit Unterbringungsbereich verfügen inklusive intramuraler und extramuraler Konsiliardienste. Im rehabilitativen Bereich sollten entsprechende Einrichtungen zur Arbeitsrehabilitation und Wohnversorgung sowie mobile Dienste zur Vorortversorgung vorhanden sein.



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