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[16.Okt.2008] Psychische Gesundheit von Anfang an – langfristiges Denken ist gefragt!

Kinder- und Jugendpsychiatrie ist „bedarfsorientiert“ entstanden. Warum sonst eine „Zweitpsychiatrie“ Hatte man früher - erleichtert - festgestellt, dass die bekannten psychiatrischen Erkrankungen wie Depression, Schizophrenie und bipolare Störungen junge Menschen, wenn überhaupt, erst ab der mittleren bis späten Adoleszenz betreffen, zeigte sich in den letzten Jahrzehnten im internationalen Kontext, dass Beeinträchtigungen des Verhaltens und der Befindlichkeit immer mehr auch im Kindes- und Jugendalter zum „Thema“ werden: Kinder und Jugendliche sind haltlos, erschüttert und bedrückt, Erwachsene hilflos und bestürzt.

KINDERKRANKHEITEN
Gibt es „neue Kinderkrankheiten“, diesmal psychischer Natur? Zappelphilipp, Suppenkaspar, Hans Guck-in-die-Luft, Paulinchen und wie sie alle heißen könnten, mit neuen Namen: ADHS, Magersucht, emotionale Störungen, Störungen des Sozialverhaltens und der Persönlichkeitsentwicklung, Belastungen durch Traumatisierung? Ja und nein, so müsste die Antwort lauten!

Befasst man sich mit der Fachliteratur, lässt sich rasch feststellen, dass viele der Probleme junger Menschen, die heute den gesellschaftlichen Diskurs (immer noch zu wenig) beherrschen, durchaus bereits in vergangenen Jahrhunderten bekannt waren (daher auch das Rückgriff-Zitat auf den „Struwwelpeter“ von Heinrich Hoffmann) - sicher wohl in einem geringeren Ausmaß als heute vorkommend, noch sicherer jedoch gesamtgesellschaftlich mit einem äußerst niedrigen Stellenwert bemessen.
Kinder: Was wollen denn die? Die sollen einmal erwachsen werden, sie gehören eben richtig erzogen...

HOHE ERWARTUNGEN
Heute sieht die Realität anders aus: Wir haben gelernt, Menschen besser zu verstehen - daran hat die Psychotherapie hohen Anteil. Wir haben gelernt, differenzierter zu erziehen - das ist manchmal verwirrend. Wir haben gelernt, ein Leben lang zu lernen - können wir das wirklich schon? Kinder und Jugendliche sind zumindest in Europa und in Teilen Amerikas zu einer Bevölkerungsgruppe geworden, auf die man mehr achtet, an die man aber auch sehr hohe Erwartungen stellt und deren rasche Anpassung an eine schnelllebige Zeit gefordert ist. Schaffen das alle? Wie reagieren wir Erwachsene, wenn junge Menschen erschöpft, enttäuscht, im oft verzweifelten Widerstand sind? Wie gehen wir andererseits mit einer („immer jüngeren“) Jugend um, die „grenzenlos“, auch Grenzen überschreitend, gewalttätig agiert? Was machen wir mit jungen Menschen, die in/mit ihrer Entwicklung nicht zurande kommen, die „in der Krise“ sind?

Das Leben ist Entwicklung. Diese an sich banal anmutende Aussage ist im medizinisch-wissenschafltichen Diskurs von zunehmend brisanter Bedeutung. Neue Begriffe tauchen auf, auch in der Psychiatrie: Entwicklungspsychopathologie, Entwicklungspsychopharmakologie, Entwicklungspsychotherapie und was immer noch kommen mag. Hier hat die Psychiatrie von der Kindermedizin gelernt, so ist Kinder- und Jugendpsychiatrie ein Teil der Kinderund Jugendmedizin geworden!

Ein weiterer Gedanke: Erst in den letzten Jahren, kaum Jahrzehnten, wird im Gesundheitsbereich wirklich die Gesundheit angesprochen. Man sehe sich nur ein wenig um: Aus Krankenhäusern werden „Gesundheitszentren“, Vorbeugung konkurriert mit „Gesundheitssicherung“. Und auch das beginnt im Kindesalter. Seit wir mehr von Kinderschutz und Kinderrechten halten, sie zumindest diskutieren (die UN-Konvention über Kinderrechte wurde von manchen Ländern immer noch nicht ratifiziert!), muten wir Kindern auch mehr zu, wenngleich manchmal zu viel. Aber jedenfalls wollen wir frühzeitig ihre Kompetenzen stärken (und das ist gut so!). Das heißt auch: Kinder befähigen und ermutigen, frühzeitig etwas für ihre Gesundheit zu tun: Sport betreiben, auf Impfungen achten u.v.a.

Wie sieht es da mit der seelischen Gesundheit aus? Und hier stoße ich wieder auf die Kinder und Jugendpsychiatrie. Je jünger unsere „Sorgenkinder“ sind, desto eher wird Kinder- und Jugendpsychiatrie disziplinen-übergreifend. Es geht um Elternbildung, Erziehung, um richtigen Umgang mit den Befindlichkeiten junger Menschen, die „noch nicht aber bald möglich“ krankheitswertig sind. Und es geht um die Sicherung von Bedürfnissen einer Gruppe von MitbürgerInnen, die, noch sehr jung, besonders schutzbedürftig sind. Sie brauchen uns...und wir brauchen sie! Natürlich geht es in vielen Fällen auch um Therapie – die allein ersetzt aber nicht die „basic needs“! Kinder- und Jugendpsychiatrie (zugleich unabdingbar Sozialpsychiatrie) kann sich niemals nur auf Medikamente stützen, sie hat in die Umgebung des jungen Menschen, in die Gesellschaft „hineinzuwirken“.

LANGFRISTIGES KONZEPT
Kinder- und Jugendpsychiatrie ist daher ein langfristiges Konzept, und keinesfalls nur „Medizin“. Kinder und Jugendpsychiatrie hat zu helfen, zu bilden, zu mahnen: Am Kind, in der Familie, für die Schule, auf dem Weg in die Erwerbstätigkeit, gegenüber der Gesellschaft. Soll dies alles berücksichtigt werden, gilt es noch viel zu schaffen. Es fehlt an Beratungsstellen, Ambulanzen, Tageskliniken, Stationen. In dieser Reihenfolge! Von der Psychiatrie sollten wir gelernt haben, dass der Weg der stationären Behandlung manchmal akut geboten, auch sinnvoll und hilfreich ist, auf Dauer jedoch keine Lösung bringt. Die Betreuung und Behandlung junger Menschen im Krankenhaus kann nicht soziale Reintegration ersetzen. Kinder- und Jugendpsychiatrie steht für Aufbruch, Nachhaltigkeit, Langfristigkeit. Die Richtigkeit dieses Konzeptes wird vielfach erst noch belebt, bewiesen werden müssen. Ein langer, aber lohnender Weg steht bevor. Haben wir den Mut, ihn zu beschreiten.



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