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[15.Okt.2008] Förderung: Was junge Menschen brauchen

"Wieder ein Fall von Komatrinken", "Gewaltexzesse in der Schule",  „Jugendkriminalität im Steigen“: Diese Schlagzeilen sind mittlerweile zum Alltag geworden. Fast könnte der Eindruck entstehen, es gefalle, die „Jugend von heute“ als gewaltbereit, alkoholabhängig und kriminell darzustellen.

Geht es nicht um etwas ganz anderes? Nicht, dass reale Probleme verharmlost oder bagatellisiert werden sollen, aber Skandalisierung und Stigmatisierung werden nicht zu Lösungen beitragen. Es stellt sich die Frage, was junge Menschen brauchen, um sich gesund entwickeln und ein selbstbestimmtes, zufriedenes Leben führen zu können. Die psychosoziale Gesundheit junger Menschen und der Entwicklungsaspekt spielenhier eine besondere Rolle.

Wie kann nun eine gesunde Entwicklung passieren und welche Rahmenbedingungen braucht es hierfür?Ein Blick in die Literatur und in TV-Sendungen verdeutlicht, dass es ein sehr heterogenes Bild von der Entwicklung junger Menschen und der „richtigen“ Pädagogik gibt. Die Bandbreite reicht von einem grenzenlosen, den jungen Menschen alle Freiräume zugestehenden Ansatz bis hin zu menschenverachtenden Erziehungscamps. Offensichtlich fällt es uns Menschen, egal ob Kindern, Jugendlichen oder Eltern, immer schwerer, Orientierung zu finden.
Ein neues Modell versucht hier ein „Kompass“ zu sein, der helfen soll, die Bedürfnisse von Menschen, im Besonderen von jungen Menschen, zu berücksichtigen.

DIE GRUNDBEDÜRFNISSE
In der Literatur finden sich zahlreiche Hinweise, dass die psychosoziale Gesundheit wesentlich von der Erfüllung der Grundbedürfnisse wie Sicherheit, Einfluss und Beziehung abhängt. Die Bedürfnispyramide von Maslow (1971) wurde mittlerweile weiterentwickelt und Kernstock-Redl (2007) beschreibt ein neues Modell, welches drei wesentliche Grundbedürfnisse umfasst, nämlich „Sicherheit“, im Sinne von physischer und psychischer Sicherheit, „Wirksamkeit“, das heißt: „Ich kann mit meinem Verhalten etwas bewirken“ und schließlich die „Beziehung“, etwa zu Eltern, Freunden und SchulkameradInnen.

Der Autor hat dieses Modell um eine weitere Achse, nämlich um die der „Werte und den Sinn des Lebens“, ergänzt. Die Basis für die drei ursprünglichen Achsen wird grundlegend von Werten geprägt, denn Werte geben eine grundlegende Richtung vor, wohin das „Schiff Leben“ fährt. Alle vier Achsen werden als „Kompassmodell“ bezeichnet.

KOMPASSMODELL
Was kann das Kompassmodell? Die vier Achsen, Sicherheit, Wirksamkeit, Beziehung und Werte, stellen die grundlegenden Rahmenbedingungen dar, um eine gesunde psychosoziale Entwicklung gewährleisten zu können und sind als eng miteinander verwobene Bereiche zu sehen, welche sich wechselseitig beeinflussen. Dies ist entscheidend, denn die Grundannahme der Entwicklungspsychologie geht davon aus, dass jede Altersstufe mit bestimmten Entwicklungsaufgaben verbunden ist. Diese können positiv durchlaufen werden, wenn einerseits entsprechende Lernfelder angeboten werden und andererseits passende Rahmenbedingungen vorherrschen.

DIE ERSTE ACHSE: SICHERHEIT
Konkret bedeutet dies, jungen Menschen nicht nur das Gefühl von Sicherheit, etwa vor tätlichen Angriffen und materieller Not, zu vermitteln, sondern auch reale Bedrohungen wie Mobbing und Aggressionen in der Schule ernst zu nehmen und Unterstützung zu bieten. Der wichtigste Ort der Sicherheit ist die Familie - an keinem anderen Ort sind Geborgenheit und das Gefühl der Sicherheit so wichtig. So sollten sich Eltern regelmäßig Fragen stellen wie:

  • Wie sicher fühlt sich unser Kind?
  • Gibt es Dinge, vor welchen sich unser Kind besonders fürchtet?
  • Wie können wir unser Kind stärken?
  • Ist unsere Familie ein Ort der Sicherheit und Geborgenheit?

DIE ZWEITE ACHSE : BEZIEHUNG
Lebensbestimmende Überzeugungen wie „Ich bin liebenswert. Ich bin wichtig.“ tragen maßgeblich zu einer positiven Entwicklung bei. Nähe und Kontakt sind grundlegende Bedürfnisse des Menschen, welche (über)lebensnotwendig sind. Die Diskussion um Qualität und Quantität der Zeit, welche die Bezugspersonen mit den Kindern oder Jugendlichen verbringen, ist hier nur bedingt hilfreich. Vielmehr geht es um die offene, wertschätzende aber auch Grenzen setzende und reflektierte Auseinandersetzung mit den jungen Menschen. Antworten auf folgende Fragen könnten hier hilfreich sein:

  • Wie lässt sich die Beziehung zu meinem Kind beschreiben?
  • Weiß ich grundlegend Bescheid, wie es meinem Kind geht?
  • Mit wem verkehrt mein Kind am liebsten – mit wem gar nicht gerne?
  • Gibt es eine Vertrauensbasis zwischen mir und meinem Kind?
  • Bin ich eine stabile und berechenbare Bezugsperson?
  • Kann ich auch „zwischen den Zeilen lesen“, wie es meinem Kind geht?
  • Wie sieht das soziale Netzwerk meines Kindes aus?
  • Setze ich Grenzen und wenn ja, wie?

DIE DRITTE ACHSE: SELBSTWIRKSAMKEIT
Die dritte Achse beschreibt das Konzept der Selbstwirksamkeit, also dem Vertrauen in die eigenen Fähig- keiten etwas bewirken zu können und Einfluss auf das eigene Leben zu haben. Konkrete Formulierungen hierfür wären „Ich kann (mit)bestimmen, was passiert. Ich bin fähig. Ich kann etwas.“
Selbstwirksamkeit steht in enger Beziehung zu Selbstvertrauen und Selbstwert, Problemlösestrategien und Selbstkonzept. Selbstwirksamkeit ist daher von immanenter Bedeutung, wie ein Mensch sein Leben grundlegend anlegt und in welcher Form er dem täglichen Leben begegnet.
Um jungen Menschen zu einer hohen Selbstwirksamkeit zu verhelfen, braucht es jedoch „begleitete Lernfelder“. Denn junge Menschen sollen die Möglichkeit bekommen, ihre Talente und Fähigkeiten zu leben. Dabei ist Unterstützung notwendig, vor allem auch dann, wenn etwas nicht so gut funktioniert hat. Auch, dass dies Teil des Lebens ist und ein neuerlicher Versuch sich lohnt. Dabei ist Lob sehr wichtig. Dieses „Lebenselixier“ spielt in der Entwicklung des jungen Menschen eine zentrale Rolle. Hilfreiche Fragen hierfür sind:

  • Wo und wie kann mein Kind neue Erfahrungen machen?
  • Wie wird mit positiven und negativen Erfahrungen umgegangen?
  • Ermutige ich mein Kind zu neuen Herausforderungen?
  • Traue ich meinem Kind auch etwas zu?
  • Bin ich sehr ängstlich, wenn mein Kind etwas Neues ausprobiert?
  • Wie oft lobe ich mein Kind?

DIE VIERTE ACHSE: WERTE UND DER SINN DES LEBENS
Auf den ersten Blick erscheinen Sicherheit, Wirksamkeit und Beziehung die grundlegenden Bedürfnisse des Menschen abzudecken. Bei näherer Betrachtung fehlt jedoch ein wesentliches Element: „Werte und der Sinn des Lebens“. Diese „vierte Dimension“ kann somit als der Bogen gesehen werden, welcher sich über die drei beschriebenen Bereiche spannt.
So stellen sich zentrale Fragen wie:

  • Welche Werte wollen wir jungen Menschen vermitteln?
  • Welche Werte leben wir jungen Menschen vor?
  • Welchen Sinn geben wir unserem Leben?
  • Welchen Stellenwert nehmen junge Menschen in unserem Leben ein?
  • Wozu leben wir?
  • Stimmen unser Reden und unser Tun überein?

Gerade diese „vierte Dimension“ stellt die größte Herausforderung im Leben dar. Und eines wird hierbei unweigerlich klar: Die Auseinandersetzung mit jungen Menschen bedeutet gleichzeitig die Auseinandersetzung mit uns selbst, wie wir leben, was wir leben, welche Hoffnungen, Ziele und Wünsche wir haben.

Wenn uns junge Menschen etwas wert sind, dann sollten wir nicht skandalisieren und stigmatisieren, sondern diese Herausforderung annehmen und uns gemeinsam mit jungen Menschen um ein lebenswertes Miteinander bemühen. Oder, wie es Willy Brandt formulierte: „Wir brauchen die Herausforderung der jungen Generation, sonst würden uns die Füße einschlafen.“

Mag. Dr. Martin Pachinger; Psychologe

 



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