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[15.Okt.2008] Warum unsere Kinder zu Tyrannen werden

DIE KINDERPSYCHIATRISCHE PERSPEKTIVE
Wenn gegenwärtig eine Erziehungsdebatte und generelle Probleme mit Kindern durch Medien gezerrt werden, ist fast immer von sozial belasteten Familienverhältnissen, Problembezirken in deutschen Großstädten und dem Versagen der Jugendhilfe die Rede.

Doch abseits dieser unbestreitbaren wichtigen Diskussion öffnet sich seit Jahren ein anderes gelagertes Problemfeld, das vor allem Kinder und Eltern in Mittel- und Oberschichtfamilien betrifft und auf längere Sicht zu gesellschaftlichen Schwierigkeiten ungeahnten Ausmaßes führen wird. Sowohl Eltern als auch Lehrkräfte, Erzieherinnen und Erzieher sehen sich in zunehmendem Maße mit kaum noch steuerbaren, scheinbar außer Rand und Band geratenen Kindern konfrontiert, ohne dass bisherige Modelle nennenswerte Abhilfe schaffen können. Hier gilt es, einen Ansatz zu finden, der die psychische Entwicklung von Kindern nicht nur berücksichtigt, sondern in den Mittelpunkt rückt. Bei meiner überzwanzigjährigen Arbeit als Kinderpsychiater hab ich unzählige Fälle gesehen, in denen Eltern mit ihren Kindern Probleme unterschiedlichster Natur hatten.
Was sich dabei herauskristallisiert und eine zunehmende gesamtgesellschaftliche Bedrohung darstellt, ist die nicht altersgemäße psychische Unreife einer großen Anzahl von Kindern.

PSYCHE WIRD NICHT AUSREICHEND TRAINIERT
Die tägliche Arbeit in der Praxis zeigt, dass die psychische Entwicklung vernachlässigt wird. Zum Nachweis eignen sich neben der Beobachtung des Kindes unter der Berücksichtigung entwicklungspsychologischer Erkenntnisse eine körperliche und neurologische Untersuchung, psychometrische Testverfahren im Bereich Motorik, Sprache, Intelligenz und sozialer Fähigkeiten sowie projektive Verfahren, die Rückschlüsse auf die psychische Verarbeitung und den psychosexuellen Entwicklungsstand des Kindes zulassen. Die Untersuchungen ergeben ein ganz klares Bild. Immer mehr Kinder liegen in ihren motorischen, sprachlichen und sozialen Fähigkeiten deutlich hinter dem Lebensalter zurück. Die Folge ist eine enorme Zunahme an logopädischen, ergotherapeutischen oder psychotherapeutischen Behandlungen in frühen Alterstufen, die jedoch immer nur systembezogen erfolgen und die Ursachen für die Störungen der Kinder außer Acht lassen. Für die Suche nach diesen Wurzeln muss die psychische Entwicklung Heranwachsender betrachtet werden: Psychische Funktionen steuert das Gehirn über die Nervenzellen. Diese lassen sich nur aktivieren, wenn sie mit zahlreichen gleichen Durchläufen immer wieder trainiert werden. Diese banale Erkenntnis wird heute kaum berücksichtigt.

Ein Beispiel aus der schulischen Praxis: Beim Erwerb der Lesefähigkeit kann ein Kind erst nach vielen Durchläufen einen Buchstaben wieder erkennen und benennen. Wörter lesen und flüssiges Lesen geht erst nach häufigem Einüben. Die Nervenzellen im Gehirn bringen also erst nach langem Training die gewünschte und von uns als normal empfundene Leseleistung. Die Nervenzellen im Bereich der Psyche des Kindes arbeiten ähnlich, brauchen aber noch mehr Training durch die Erwachsenen. Eine ausreichende Frustrationstoleranz etwa kann von den Jugendlichen in Schule und Ausbildung später nur gefordert werden, wenn schon in jungen Jahren Wert darauf gelegt wurde, dem Kind altersangemessen abzuverlangen, dass es Frustration aushält und abwarten lernt.

Ein solches Training wird Kindern jedoch heute immer weniger durch Eltern und andere Erwachsene abverlangt. In der Folge entwickeln sich viele psychische Funktionen bei Kindern gar nicht erst. Ein normales, vorstrukturiertes Aufwachsen und „Erwachsenwerden“ wird verhindert. Die Störungen, die daraus entstehen und uns in zunehmendem Maße im Alltag vor Probleme stellen, sind also vornehmlich Störungen in der Beziehung zu Erwachsenen, in vorderster Linie zu den Eltern. Im Rahmen meiner täglichen Arbeit konnte ich seit Anfang der neunziger Jahre drei Beziehungsstörungen auf dem Boden gesellschaftlicher Veränderungen herausarbeiten, die letztlich fatale Auswirkungen auf die Situation in Kindergärten und Schulen haben.

ERSTE BEZIEHUNGSSTÖRUNG: PARTNERSCHAFTLICHKEIT
Partnerschaftlicher Umgang mit Kindern wird heute kaum noch als Beziehungsstörung wahrgenommen, da es sich um die dominante Art des Umgangs mit Kindern in der Gesellschaft handelt. Gleichwohl haben wir es dabei mit der Grundlage weitergehender Störungen im Verhältnis zwischen Erwachsenen und Kindern zu tun. Partnerschaftlicher Umgang meint die Wahrnehmung des Kindes als gleichgestellten Kommunikationspartner ohne Berücksichtigung ihres Schutzbedürfnisses. Der Erwachsene setzt beim Kind eine Einsichtsfähigkeit voraus, die nicht vorhanden ist. Auch die Probleme der Erwachsenenwelt soll es verstehen und diskutieren können. Die Überforderung der Kinder wird dabei übersehen. Doch sind Kinder, die einen zu großen Anteil an Partnerschaft in der Beziehung zu den Eltern haben, nicht nur überfordert, sie bekommen auch das Gefühl vermittelt, keiner Steuerung und Führung durch Erwachsene mehr zu bedürfen und schon im Kleinkindalter selbstständig Entscheidungen treffen zu können, deren Tragweite sie nicht überschauen. In der Schule lassen sich diese Kinder vom Lehrer nicht mehr führen, sondern konterkarieren das gewollte Bild vom mündigen Schüler durch Verweigerung von Respekt gegenüber den Lehrkräften.

ZWEITE BEZIEHUNGSSTÖRUNG: PROJEKTION
Der partnerschaftliche Umgang mit Kindern ist heutzutage die Regel und wäre für sich genommen noch vergleichsweise unbedenklich, solange trotzdem eine erkennbare Hierarchie zwischen Erwachsenen und Kindern bestünde, die dem Kind Struktur und Orientierung vorgibt. Doch die Entwicklung unseres gesellschaftlichen Umfeldes weist den Weg in eine andere Richtung: Selbst Erwachsene finden heute nur noch wenig Halt und Orientierung. Hierzu gibt es viele Gründe, wie zum Beispiel vorhandener großer Wohlstand oder Werteverluste.

Entscheidend ist aber auch ein technologischer Wandel, der den „Durchschnittsmenschen“ überfordert. Dieser Wandel gibt einerseits kaum noch die Möglichkeit, sich im Informationsdschungel zurechtzufinden und wertvolle von überflüssiger Information zu trennen. Andererseits bleibt für zwischenmenschliche Kommunikation unter Erwachsenen immer weniger Zeit, so dass der einzelne Erwachsene aus dem Bereich „Partner, Kolleginnen und Kollegen, Freunde und Bekannte“ nur noch wenig Anerkennung und Bestätigung seines selbst erfährt. Im Rahmen der Projektion wirkt sich diese latente Überforderung auch auf die Beziehung zwischen Eltern und Kindern aus. Viele Eltern gehen unbewusst dazu über, sich die fehlende Anerkennung und Liebe von ihren Kindern zu holen. Statt Kinder liebevoll zu führen, gestehen sie ihnen immer häufiger zu, selbst die Führungsposition zu übernehmen.
Auf Seiten der Kinder steigert das Ausbrüche von Respektlosigkeit und fehlender Anerkennung erwachsener Autoritätspersonen. Die Folgen zeigen sich vielfältig in Kindergärten, Schulen und Ausbildungsbetrieben, die heute immer häufiger über nicht ausbildungsfähige Jugendliche klagen. Diese Jugendlichen sind die erste Generation von komplett in Partnerschafts- und Projektionsverhältnissen groß gewordenen Kindern.

DRITTE BEZIEHUNGSSTÖRUNG: SYMBIOSE
Die Symbiose ist eine relative junge Beziehungsstörung, die aus den Konsequenzen des Umgangs mit Kindern in Partnerschaft und Projektionen erwachsen ist. Im Rahmen der Symbiose verschmilzt der Erwachsene seine Psyche mit der des Kindes. Er behandelt praktisch das Kind, als sei es Teil eines eigenen Körpers. Das heißt im übertragenen Sinn: Positive Zuwendung an das Kind ist gleichsam auch positive Zuwendung an den Erwachsenen. Entsprechend ist Kritik am Kind auch Kritik am symbiotischen Erwachsenen. Die sich daraus ergebende Diffusion lässt sich leicht vorhersehen - Polarisierung und Schuldzuweisung: schlechte Lehrkraft, unfähige Erziehende und Therapierende, inkompetente/r Ärztin oder Arzt. Sie dient der Stabilisierung dieses pathologischen Beziehungsgeflechtes.

Kinder, die in einer solchen Beziehungsstörung aufwachsen, erkennen in letzter Konsequenz eine menschliches Gegenüber nicht mehr als solches an. Auf Seiten des Erwachsenen kann die falsche Wahrnehmung des Kindes als Symbiose beispielsweise zu Ohnmachtgefühlen führen, da psychisch nicht das Kind, sondern ein nicht funktionierender Teil des eigenen Körpers „zur Räson gebracht“ werden muss. Das Kind verbleibt somit in einem frühkindlichen Narzissmus, der es glauben lässt, eskönne alles steuern und bestimmen. Eine autarke Psyche des Kindes entwickelt sich erst gar nicht.

Diese Darstellung kann nur einen kleinen Abriss der Problematik widerspiegeln, die sich aus der zunehmenden psychischen Unreife der heutigen jungen Generation ergibt. Die Fehler von Eltern auf Basis der beschriebenen Beziehungsstörungen im Umgang mit ihren Kindern stellen eine Bedrohung für funktionierende positive gesellschaftliche Prozesse in der Gegenwart und in der Zukunft dar. Psychisch unreife Kinder und Jugendliche sind in letzter Konsequenz weder beziehungs- noch arbeitsfähig und stellen damit die Grundlagen unseres sozialen Zusammenlebens in Frage. Es ist dringend nötig, Kinder wieder als Kinder zu sehen, ihnen Orientierung und Struktur zu geben und sie damit zukunftsfähig zu machen. Gerade auf Grund der problematischen Lage in den Elternhäusern sind Lehrerinnen und Lehrer in der Schule umso mehr gefordert, hier einen Beitrag zu liefern.

Zum Weiterlesen:
Michael Winterhoff; Warum unsere Kinder Tyrannen werden. Oder: Die Abschaffung der Kindheit. Gütersloh:Güterloher Verlagshaus, 2008.



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