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[15.Dez.2008] Medizinisch-psychiatrische Reha als Lebensfunke

Seit 2002 wird in Österreich die stationäre medizinisch-psychiatrische Rehabilitation angeboten, vor kurzem wurde ein ambulantes Angebot in Wien konzipiert und sollte bald auch in den anderen Bundesländern aufgebaut werden. Kostenträger sind v. a. die Pensions- aber auch die Krankenversicherungen, wenn keine eigenen Pensionszeiten vorliegen. Vorbild für diese Entwicklungen waren die psychosomatischen Rehakliniken in Deutschland, die seit mehr als 30 Jahren allgemeine psychotherapeutische und auch differenzierte Programme, z.B. für Essstörungen, durchführen; nicht selten haben wir, wenn die Möglichkeiten im Akutkrankenhaus ausgeschöpft waren, PatientInnen in solche Spezialeinrichtungen vermittelt.

Während die körper-medizinische Rehabilitation einschließlich Neurologie in Österreich zügig ausgebaut wurde, mussten die von psychischer Krankheit Betroffenen noch lange warten. Erst 1996 wurden aufgrund einer Novellierung des ASVG (Reha vor Pension) die Voraussetzungen für eine medizinisch-psychiatrische Reha geschaffen. Und es dauerte dann bis 2002, das die ersten Pilotprojekte in Klagenfurt und Bad Hall entstanden.


Die stationäre medizinisch-psychiatrische
Reha hat folgende Vorgaben:

  • Sie ist auf sechs Wochen begrenzt, Verlängerungen sind möglich, innerhalb von fünf Jahren wird in der Regel ein weiterer Reha-Aufenthalt genehmigt.
  • Die Patienten sollten ein Reha-Programm durchhalten können und ihr Gesundheitszustand sollte sich nachhaltig verbessern.
  • Die Maßnahme dient auch, oder aus Sicht der Kostenträger vor allem, zur Erhaltung bzw. Wiedererlangung der Arbeitsfähigkeit.
  • Das Reha-Ziel der Hintanhaltung einer Pflegebedürftigkeit wird zunehmend akzeptiert.

In den sechs Jahren Erfahrung stellt sich immer mehr heraus, welcher Segen diese Maßnahme für die Betroffenen bedeutet. Obwohl das medizinische Rehabilitationskonzept effizienter in frühen Krankheitsphasen greifen würde, sind die meisten PatientInnen schon viele Jahre psychisch bzw. psychosomatisch krank, haben also einen langen Leidensweg (durchschnittlich zehn Jahre) hinter sich. Entsprechend verfestigt ist die Krankheit - entsprechend verschüttet auch die psychodynamische Entwicklung. Etwa ein Viertel der Patienten haben schwere Traumatisierungen hinter sich, ein weiteres Viertel weist einen hohen Erschöpfungsgrad auf bis hin zum Burnout. Etwa die Hälfte der Patienten ist multimorbid, weist also auch ernste körperliche Störungen auf. Was kann die medizinisch-psychiatrische Reha hier leisten?

 

Lebensqualität
Ganz allgemein ermöglicht die familiäre Atmosphäre - als therapeutische Gemeinschaft gepflegt - den meisten, sich nach langem erst einmal fallenlassen zu können in Geborgenheit und zu erfahren, dass es so etwas wie Genuss und Freude mit anderen Menschen gibt. Viele entdecken ihre kreativen Möglichkeiten und produzieren voll stolz ihre Werke in oder auf verschiedenen Materialien. Viele lernen ihren Körper kennen, lernen richtig zu atmen und kommen ihrem Wesen näher, viele fangen wieder an zu „sehen“ , was der Mitmensch und die Natur alles zu bieten hat. Im Speziellen sind es die störungsspezifischen Veränderungen, welche in diesem Setting durch die Gruppen - unterstützt durch die Einzeltherapien - möglich werden: Sind die individuellen existenziellen Bedürfnisse erst einmal erkannt, werden die bisherigen Strategien angeschaut und an welchen Rahmenbedingungen zu rütteln oder eben nicht zu rütteln ist; aus den Erweiterungen des Bewusstseins und Erlebnisraumes lassen sich Veränderungen planen und angehen; wichtig ist die so genannte „Transferphase“, wie das Erlebte und Gelernte zu Hause und im weiteren Umfeld einpflegen?

Einerseits können symbolische Gaben (give aways) die Internalisierung unterstützen, zum anderen ist ein Wiederauffrischen in Form von Kontakten über das Interne (therapeutischer Chatroom) projektiert. Ein Großteil der Patienten benötigt weitere ärztliche und psychotherapeutische ambulante Unterstützung.


Auswirkungen
der Rehabilitation

Die Erfolgsmessung ist nicht einfach: relativ leicht ist der Output zu bestimmen, hier gibt es auch die Vorgaben der Kostenträger hinsichtlich Art und Menge der zu erbringenden Leistungen. Was diese bewirken, ist schon schwerer fassbar: der Effekt auf Symptomebene und anderer objektivierbarer Kriterien wie Krankenhaus- und Krankenstandstage, Medikamentenverbrauch werden zwar bestimmt, darüber hinaus wären aber eine Reihe von Einflussgrößen zu berücksichtigen (z.B. Support und Belastungen nach dem Aufenthalt an der Reha-Einrichtung), um den Erfolg der Maßnahme richtig herauszuschälen. Etwas leichter ist der subjektive Erfolg zu messen, der Impact zeigt sich etwa in der Veränderung einzelner Bereiche in der Lebensqualität oder in der anonymen Zufriedenheitsmessung.


Der Outcome soll die Auswirkungen
auf die Gesellschaft auf der Mikro-, Makroebene bewerten. Was tut sich in den Familien, in der Nachbarschaft oder am Arbeitsplatz infolge der „Auffrischung“ in der Reha? Das können die Zuweiser gut beurteilen und wir merken das an den Reaktionen unserer wichtigsten Partner. Vielleicht sollten neben dem Output auch diese Kriterien der Erfolgsbeurteilung bei der geplanten Vergabe von Sternen von Seiten des Kostenträgers berücksichtigt werden.

Die Zukunft der medizinischpsychiatrischen Reha ist durch den Aufbau weiterer Kapazitäten in den Bundesländern gesichert. Der Bekanntheitsgrad bei Patienten und Zuweisern steigt, sodass die Betroffenen früher kommen, im Rahmen von Anschlussheilverfahren oder von selbst, wenn die „Alarmglocken läuten“.

Diese sind vielfältig: Schmerzen, emotionale, vegetative Störungen mit innerer Unruhe, die nicht mehr ausreichend zu beherrschen ist, Verhaltensstörungen aufgrund von Ärger und Gereiztheit, bedenklicher Umgang mit Suchtmitteln.

Die stationären Kapazitäten sollen durch die ambulante medizinische Rehabilitation erweitert werden. Synergetische Konzepte zur stationären Reha wären hier gefragt und vor allem eine gute Vernetzung. Diese ist in der psychosozialen Versorgung vielleicht das stärkste Erfolgskriterium, soll sich die Reha von einer „Kur“ unterscheiden. Das individuelle „Anliegen“, ist es erst einmal gefasst (was schwierig genug ist, und manchmal vorerst nicht gelingt), kann oft nur gemeinsam mit den sozialen Partnern des Betroffenen umgesetzt werden: Familie, Freunde und Betreuer vor Ort.


Dies könnte eine Domäne der
ambulanten Reha sein; etwa ein Viertel der stationären Klientel könnte nach den bisherigen Erfahrungen vom ambulanten Setting profitieren. Der österreichische Weg der medizinisch-psychiatrischen Reha ist zwar verzögert begonnen worden, nimmt jedoch einen wirklich guten Verlauf und kann als großer Erfolg in der psychosozialen Gesundheitsversorgung angesehen werden.

 

Prim.Dr. Thomas Platz, Leiter der Reha für seelische Gesundheit, Klagenfurt


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