In der Medizin gibt es seit vielen Jahren eine Entwicklung, von der die Psychiatrie bisher ausgeschlossen war: Neben der Akutmedizin entstand in allen medizinischen Fächern die Rehabilitationsmedizin. Diese Entwicklung wurde wesentlich von Fachärzten für physikalische Medizin und Rehabilitation geprägt. Die physikalische Medizin, die Kurmedizin und ortsgebundene Heilmittel spielen daher in der medizinischen Reha aller Fachrichtungen eine wesentliche Rolle. Diese Nähe zur Kurmedizin und die breite Anwendung ortsgebundener Heilmittel machten auch verständlich, dass in der Tradition der medizinischen Rehabilitation stationäre Angebote die Regel sind, ambulante Angebote die Ausnahme. Speziell in der neurologischen, internistischen und orthopädischen Frührehabilitation sind durch die intensiven pflegerischen Maßnahmen stationäre Rehabilitationsmaßnahmen indiziert.
Rehabilitationszentren
Seit dem Jahr 2002 gibt es in Österreich neben den langfristigen sozialpsychiatrischen Rehabilitationsmöglichkeiten auch Rehabilitationszentren, in denen Patienten medizinische Rehabilitation in psychiatrischen Indikationen angeboten wird. Medizinische Rehabilitation ist nicht nur Rehabilitation unter besonderer Berücksichtigung medizinischer Aspekte, sondern ein „Markenname“ mit speziellen Rahmenbedingungen (im „Handbuch zur Medizinischen Rehabilitation“ des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger zu finden) und Qualitätsanforderungen. Einen hohen Stellenwert haben in der medizinischen Rehabilitation präventive Maßnahmen der Gesundheitsförderung und der Lebensstilmodifikation.
Diese Themen - gesunde Ernährung, Sport und körperliche Aktivierung - gewinnen auch in der Psychiatrie immer mehr an Bedeutung. Das Grundprinzip Medizinischer Rehabilitation ist, dass über einen begrenzten Zeitraum von wenigen Wochen - in der Psychiatrie sind das sechs Wochen - intensiv verschiedene therapeutische Interventionen eingesetzt werden.
Abgrenzung
Medizinische Rehabilitation ist nicht als Alternative, sondern als Ergänzung sozialpsychiatrischer Rehabilitationsangebote zu verstehen. Die Zielgruppen sind unterschiedlich, weisen aber doch auch Überschneidungen auf. Die gemeindenahen sozialpsychiatrischen Rehabilitationsangebote sind speziell auf die Bedürfnisse von Menschen mit schweren und anhaltenden psychischen Störungen ausgerichtet und sind mittel- bis langfristig angelegt.
Die Zielgruppe medizinischer Rehabilitation sind Menschen, die nach einer akuten psychischen Erkrankung zeitlich befristet intensive Unterstützung brauchen, um wieder Anschluss an ihr früheres Funktionsniveau zu finden. Natürlich kann es auch sinnvoll und notwendig sein, einen chronischen Krankheitsprozess durch konzentrierte und intensive Rehabilitationsmaßnahmen zu unterbrechen. Die Indikationen für medizinische
Rehabilitation einerseits, sozialpsychiatrische Rehabilitation andererseits ergeben sich weniger aus der psychiatrischen Diagnose, sondern aus dem Stadium der Erkrankung und den aktuellen Bedürfnissen des Betroffenen. Ähnliches gilt für die Abgrenzung zur Psychosomatik.
Auch für Patienten mit psychosomatischen Erkrankungen kommt medizinische Rehabilitation in Frage, wenn die Akutbehandlung abgeschlossen ist und wenn die möglichst weitgehende Wiederherstellung der Funktionsfähigkeit im Vordergrund
steht. Es kommen daher grundsätzlich alle psychiatrischen Diagnosen ausgenommen Suchterkrankungen in Frage.
Therapeutisches Konzept
Das biopsychosoziale Modell ist die Grundlage für rehabilitatives Denken und Handeln. Im Fokus der Aufmerksamkeit stehen funktionelle Gesichtspunkte. Der Rehabilitationsplan ist die Umsetzungsstrategie, die gewährleisten soll, dass die mit dem Patienten vereinbarten Rehabilitationsziele erreicht werden.
Entsprechend den Ressourcen bzw. Defiziten des Patienten kommen unterschiedliche, spezifische Therapieverfahren zur Anwendung. Die therapeutischen Maßnahmen fallen in das Tätigkeitsfeld verschiedener Professionen des multidisziplinären Behandlungsteams.
Angebotspalette
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Gruppenpsychotherapie: Die Patienten und Patientinnen erleben sich und ihre Erkrankungen in der Auseinandersetzung mit anderen Betroffenen. Gruppendynamisches Lernen ermöglicht das Erkennen der eigenen Rolle innerhalb einer sozialen Gruppe. Alte Verhaltensmuster können aufgegeben werden. Neues, gesundheitsförderndes Verhalten kann eingeübt werden.
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Indikationsspezifische Gruppentherapien: werden Patienten angeboten, bei denen eine intensive Auseinandersetzung mit bestimmten Themen indiziert ist (z.B. Stressbewältigung, Selbstsicherheitstraining).
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Jeder Patient sollte während des Aufenthaltes lernen, eine Entspannungsmethode (z.B. autogenes Training, progressive Muskelentspannung nach Jacobson, Meditation, Yoga) anzuwenden.
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Einzelpsychotherapie: Auf die individuelle Situation der Patienten wird in Einzelsitzungen eingegangen, deren Frequenz auf die jeweiligen Bedürfnisse des Patienten abgestimmt wird. Die Interaktion zwischen Therapeuten und Patienten setzt psychische Prozesse in Gang, die den Heilungsprozess fördern.
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Medikamentöse oder andere medizinische Maßnahmen werden bei der Visite besprochen. Die Therapie mit Psychopharmaka wird an die aktuellen Erfordernisse angepasst und optimiert.
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In der Ergotherapie werden Arbeitsgrundfähigkeiten geübt wie die Planung und Durchführung von Tätigkeiten, Ausdauer, Genauigkeit, aber auch kreative Fähigkeiten.
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Kreative Therapieangebote wie Kunsttherapie, Musiktherapie und Tanztherapie wecken bzw. fördern kreatives Potenzial und tragen durch Erweiterung der persönlichen Möglichkeiten zu mehr Flexibilität und damit zu einer gesundheitsfördernden Lebensführung bei.
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Aktive Physiotherapie mit dem Schwerpunkt Körperwahrnehmung, Bewegung und Heilgymnastik wird sowohl einzeln als auch in Gruppen angeboten. Passive physiotherapeutische Maßnahmen (Massagen, Bäder usw.) können indiziert sein, wenn Erkrankungen des Bewegungsapparates vorliegen.
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Gesundheitsförderung beinhaltet Ernährungsberatung und Anregung zu Bewegung. Ein individuell abgestimmtes Sportprogramm soll das Vertrauen zur eigenen körperlichen Leistungsfähigkeit fördern und die psychische und körperliche Widerstandsfähigkeit verbessern.
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Durch Schulungen und Psychoedukation wird den Patienten das Wissen vermittelt, das sie brauchen um angemessen mit ihrer Erkrankung umgehen zu können. Im Idealfall wird der Patient Experte im Umgang mit seiner eigenen Erkrankung.
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In den letzten ein bis zwei Wochen des Aufenthaltes ist die Planung der weiterführenden Behandlung die vordringliche therapeutische Aufgabe, um das Erreichte abzusichern und um den Schritt vom therapeutischen Umfeld in den Alltag zu gewährleisten. Die Patienten sollten in der Lage sein, vier Therapieeinheiten pro Tag bzw. 20 Therapieeinheiten pro Woche zu bewältigen. Die Gestaltung des therapeutischen Milieus ist von besonderer Bedeutung, um ein Klima zu schaffen, in dem die Rehabilitanden die Therapieangebote optimal nutzen können. In der psychiatrischen Rehabilitation sind folgende Milieufaktoren besonders förderlich: Strukturierendes, aktivierendes und im psychotherapeutischen Sinn reflektierendes Milieu.
von Prim. Dr. Egon Michael Haberfellner
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