Was ist die Aufgabe der PVA bei Rehabilitation von Menschen mit psychischen Erkrankungen?
Prof. Dr. Rudolf Müller: Sie ist für die gesamte Rehabilitation der Berufstätigen zuständig. Das heißt medizinische, berufliche und soziale Rehabilitation. Wir machen aber auch die medizinische Rehabilitation für die PensionistInnen. Dies unter dem Rechtstitel Maßnahme der Gesund- heitsvorsorge. Insofern werden alle aktiven Angestellten und Arbeiter sowie Pensionisten durch die Pensionsversicherungsanstalt medizinisch rehabilitiert, sofern es sich um stationäre Maßnahmen handelt.
Welchen Stellenwert hat die psychiatrische Rehabilitation für die PVA?
Prof. Müller: In den letzten zehn Jahren einen sehr hohen. Wir haben gesehen, dass bei den Neuzuerkenn- ungen von Berufunfähigkeits- und Invaliditätspensionen die psychia- trischen Krankheiten als Ursache permanent ansteigend waren und leider auch noch sind. Aus diesem Grund haben wir im Jahr 2000 mit den ersten Pilotprojekten in Klagenfurt und Bad Hall begonnen, um zu definieren inwieweit medizinische Reha auch neben beruflichen Rehamaßnahmen zielführend sein kann. Bei beruflichen Rehamaßnahmen verweise ich auf das Arbeitstraining und Arbeitstrainingzentren, die auch eine Trendumkehr erreichen können.
Wie ist die fachliche Zusammenarbeit bei Pilot- projekten gelaufen?
Prof. Müller: Aus meiner Sicht positiv. Natürlich mit allen Anfangsproblemen, die solche Pilotprojekte mit sich bringen. Die Kooperation war und ist eine sehr gute, dies insofern, da ich den Eindruck habe, dass durch die Mentoren Prim. Doz. Schöny und Prim. Platz und durch die Vorort ausübenden LeiterInnen Haberfellner und Hochfellner eine hohe medizinische Kompetenz auf dem Gebiet der psychiatrischen Rehabilitation eingebracht und dadurch das Angebot auch permanent weiterentwickelt wurde. Die Selbstein- schätzung der Arbeitsfähigkeit zu Rehabilitationsbeginn lag bei 26 Prozent, dieser Prozentsatz stieg gegen Rehabilitationsende auf 54 Prozent. Das ist eine Verdoppelung. Dieser Effekt war bei den Pensionsbeziehern nicht in dieser Form erkennbar, da die Erfolge zwar vergleichbar sind, aber die Nachhaltigkeit nicht gegeben ist. Allerdings ist dies auch auf die schlechteren Ausgangswerte zurückzuführen. Die Krankenstandsdauer sank auf mehr als die Hälfte nämlich von 16 auf 7 Wochen verglichen ein Jahr vor versus ein Jahr nach der Rehabilitation und das sind gesundheitsökonomisch hervorragende Ergebnisse.
Gibt es einen Unterschied beim Erfolg zwischen jenen die vorher schon in Berufsunfähigkeitspension waren und jenen die noch im Arbeitsprozess standen?
Prof. Müller: Bei denen die schon in Pension waren, war die langfristig gemessene Erfolgsquote deutlich schlechter. Daran ist zu erkennen, dass der psychiatrische Patient motivationsseitig, nach abgeschlossenem Berufsleben schwerer zu reintegrieren ist. Allerdings könnte man dies auch anders sehen und sagen, sechs Wochen reichen dafür nicht aus, daher müsste die Reha länger dauern.
Welche Maßnahmen wünschen Sie sich ergänzend zur PVA?
Prof. Müller: Weihnachten steht ja vor der Tür, das heißt man darf sich etwas wünschen, Visionen haben. Eine Vision ist für mich die Versorgungskette zu optimieren, zu schließen. Die Versorgungskette: niedergelassener Bereich, Akutkrankenhaus, stationäre Reha, und was uns in Österreich noch fehlt, sind sicher Ansätze in der ambulanten Rehabilitation. Ich denke wohnortnahe Rehabilitation im Kontext mit einem Übergang in den Beruf ist ein wichtiges Thema. Deutschland hat hier das Modell der medizinisch-beruf- lichen Rehabilitation. Das heißt am Anfang umfasst die medizinische Reha 100 Prozent. Die berufliche Reha steht im Hintergrund, jedoch gegen Ende der Reha hat der berufliche Anteil 100 Prozent und dazwischen ist es in der Praxis so, dass der Patient einen halben Tag oder drei Stunden in die Reha geht und einen halben Tag arbeitet. Das Zeitausmaß der Arbeitsleistung pro Tag wird immer höher, bis der Patient wieder fähig ist einen vollen Arbeitstag zu absolvieren. Ich glaube dieses Modell ist ein guter Ansatz. Die Vernetzung vor allem der beruflichen und medizinischen Reha wäre mir ein großes Anliegen. Es gibt natürlich in Österreich auch berufliche Reha-Maßnahmen, wie die Arbeitstrainingszentren. Diese sind aber auch rein monomorph auf das Berufliche abgestimmt und weniger auf die Kombination. Die Kombination aus medizinischer und beruflicher Reha muss aber Ziel sein und im Sinne einer integrierten Versorgungsstruktur umgesetzt werden. Hier sehe ich die zukünftige Ausrichtung.
Wie schauen die Prozentzahlen bei der Verteilung von stationären PatientInnen und ambulanten PatientInnen aus?
Prof. Müller: Wir stehen in Österreich am Anfang. Ich maße mir als Internist die Beurteilung von psychischen Erkrankungen nicht an, aber ich kann sagen, wie es bei anderen Krankheitsbildern aussieht und wenn man hier einen Analogieschluss ziehen darf, dann wäre der Anteil der ambulanten Reha im Bereich von 10 bis 20 Prozent.
Welche Effekte erwartet sich die PVA von der psychiatrischen Reha?
Prof. Müller: Wir wollen die Berufstätigen - das ist unsere Hauptaufgabe – möglichst lange im Arbeitsprozess zu halten. Dies allerdings in einem möglichst „gesunden“, also wenig krank- heitsbehafteten Zustand mit guter Lebensqualität. Es ist unser Hauptziel einen Beitrag zu leisten, das tatsächliche Pensionsantrittsalter zu erreichen. Wir sind uns aber bewusst, dass zwischen den Arbeitsphasen immer wieder Abschnitte notwendig sind, in welchen man neuerlich Reha-Maßnahmen einsetzen muss, um nachhaltige Therapieerfolge zu erreichen. Durch eine einmalige Maßnahme tritt oft nicht dauerhafte Wiederherstellung ein.
Wie sieht ihrer Einschätzung nach die Reha-Landschaft in Österreich 2015 aus?
Prof. Müller: Es wird einige Veränderungen in bestimmten Krankheitsbildern geben, zum Beispiel bei den pulmologischen Erkrankungen ist klar zu sehen, dass die chronisch obstruktiven Lungenerkrankungen deutlich zunehmen, diese waren Ende der 90er Jahre weltweit Todesursache Nr. 6, für 2020 ist der 3. Platz prognostiziert. Als zweites typisches Beispiel ist der Diabetes Mellitus zu nennen, der gemeinsam mit dem Übergewicht eine Krankheit ist, die stark zunimmt. Wir werden in Zukunft auch in den
operativen Bereichen, wie bei Hüft- und Kniegelenksersätzen, Zweitgelenksersätze durchführen, da die Lebenserwartung steigt. Hier wird sich einiges tun und ich glaube, dass der Bedarf an medizinischer Rehabilitation weiter leicht steigend sein wird und
dass man diesen zusätzlichen Bedarf nicht durch weitere stationäre Betten sondern in erster Linie durch weitere ambulante Rehabilitationsplätze abdecken sollte. In der Psychiatrie haben wir eine Rehabilitations-Planung für die stationäre Rehabilitation für die vier Versorgungszonen in Österreich ausgearbeitet, so dass in jeder Versorgungszone entsprechende Bettenanzahlen angeboten werden. Zurzeit besteht noch ein Bedarf in den Versorgungszonen Ost und West. Ich hoffe also, dass 2015 das Geplante vollkommen steht und wir hier auf alle Ressourcen zugreifen können um in der Folge auch beurteilen zu können, ob wir noch weitere Standorte benötigen - das wäre die stationäre Schiene. Und auf der ambulanten Schiene habe ich doch auch die Erwartungen und Hoffnungen, dass wir hier auch in ersten Pilotprojekten den Betroffenen medizinische Rehabilitation anbieten und somit Erfahrungen sammeln können.
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