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[01.Jul.2009] Psychosoziale Rehabilitation – eine Chance für Erkrankte

 

Mit geringen Unterschieden zwischen den EU-Ländern erhalten nur 26 Prozent aller Betroffenen irgendeine und noch weniger eine adäquate Behandlung. Oft vergehen

viele Jahre und manchmal Jahrzehnte, bevor eine erste Behandlung eingeleitet wird. Es ist ein Schlüsselkriterium der Diagnostik aller psychischen Erkrankungen, dass zu dem Leiden des Betroffenen auch Belastungen und negative Folgen im beruflichen, familiären und sozialen Rahmen auftreten. Es ist angesichts der Häufigkeit psychischer Erkrankungen nicht überraschend, dass von allen Arbeitsunfähigkeitstagen pro Jahr die Mehrzahl auf psychische Erkrankungen, und nicht etwa auf körperliche Erkrankungen zurückgeführt werden kann.

 

Hoher Schaden

Eine Studie von Hans-Ulrich Wittchen, Professor der Klinischen Psychologie und Psychotherapie der Technischen Universität Dresden, ergab, dass psychische Erkrankungen jährlich fast 300 Milliarden Euro Gesamtkosten ausmachen, von denen allein 132 Milliarden Euro mit indirekten Kosten (krankheitsbedingte Ausfalltage, früherer Eintritt in den Ruhestand, vorzeitige Sterblichkeit und verringerte Arbeitsproduktivität wegen psychischen Problemen) zusammenhängen. 110 Milliarden Euro werden demgegenüber für direkte Kosten (Hospitalisierung und Hausbesuche von Patienten) ausgegeben. Die Kosten für die medikamentöse Therapie – als die am häufigsten eingesetzte Behandlungsart – beansprucht dagegen nur vier Prozent der Gesamtkosten von psychischen Störungen; die für psychotherapeutische Leistungen liegen weit unter ein Prozent! („psychische Störungen in Deutschland und der EU, Größenordnungen und Belastungen“ 2005).

Die Hauptmasse der gesamten gesundheitsökonomischen Kosten sind deshalb keine direkten, sondern indirekte Kosten des Gesundheitssystems.

Wir müssen in unserem Verständnis für psychische Erkrankungen umlernen, sie sind keine seltenen Erkrankungen, jeder kann zu jedem Zeitpunkt im Lebensverlauf betroffen sein.

 

Wandlungsprozesse

Gesellschaftliche Wandlungsprozesse tragen dazu bei, dass Integration oder Inklusion für Menschen mit einer psychischen Erkrankung immer schwieriger wird. Die heutige Lebenswirklichkeit vieler Menschen mit psychischen Erkrankungen ist gekennzeichnet durch soziale Exklusion. Psychische Krankheit bedingt oft auch Armut. Neben der nach wie vor gegebenen Stigmatisierung führen die gesellschaftlich geforderte soziale Differenzierung und die damit verbundene Individualisierung zu massiven Problemen bei der Integration. Während noch vor Jahrzehnten die Erfolgschancen überwiegend vonder sozialen Herkunft bestimmt wurden, ist dies heute eher von individuellen Voraussetzungen einerseits und sich dramatisch wandelnden sozialen Bedingungen andererseits abhängig. Das Wirtschaftssystem, das politische System und andere Teilsysteme orientieren sich nicht an den Erfordernissen eines Gesamt- oder Teilinteresses der Gesellschaft, oder gar an den Bedürfnissen einzelner Individuen. Gesellschaftliche Teilhabe/Inklusion ist nicht ohne die aktive Solidarität der Zivilgesellschaft und die Eigenverantwortung der betroffenen Menschen zu verwirklichen. Ein erst kürzlich vom britischen Premierminister in Auftrag gegebener Bericht mit dem Titel „Mental health and social exclusion“ brachte zu Tage, dass 40 Prozent der Menschen, welche psychisch erkrankt sind, ausschließlich Kontakt zu anderen Betroffenen und Betreuern haben. In den Gemeinden versorgt fühlen sich dennoch 80 Prozent der befragten Personen isoliert und ein Viertel enthält sich fast jeglicher Aktivität innerhalb der Gemeinde.

Soziale Exklusion

Primär vermisst werden Arbeit, soziale Kontakte, intime Beziehungen. Der Ausschluss aus wesentlichen Teilsystemen wie z.B. dem Arbeitsmarkt, dem Wohnungsmarkt oder aus der familiären Einbindung wird als soziale Exklusion definiert, welche zunimmt. Da es kein einheitliches Bild von psychischen Erkrankungen gibt, damit verbunden auch kein einheitliches Ausmaß von Einschränkung, sind zur sozialen Rehabilitation dieser Personengruppe verschiedenste Maßnahmen erforderlich, deren Anforderungen sich nach der individuellen Situation der Betroffenen richten müssen. Es benötigt ein differenziertes Spektrum diagnostischer, therapeutischer sowie lebenspraktischer Leistungen, die den Einsatz verschiedenster Fachkräfte, je nach dem welche Unterstützung die Personen benötigen. Psychische Erkrankungen sind stärker als körperliche in Entstehung, Verlauf und Ausprägung vom Zusammenwirken innerer und äußerer Bedingungen abhängig, lassen sich weniger leicht objektiv feststellen, beschreiben, kalkulieren und kompensieren als körperliche Erkrankungen. Sie sind nicht so leicht zu erkennen und sie werden weniger leicht akzeptiert. Auch die eigene Fähigkeit, die Hilfsbedürftigkeit zu erkennen und Hilfsmöglichkeiten zu nützen ist bei psychischen Erkrankungen begrenzter als bei körperlichen Erkrankungen. Daher ist es wichtig, dass dezentrale, wohnortnahe Versorgungsmodelle gegeben sind, welche niederschwellig für jedermann zugänglich sind. Sie müssen an den individuellen Hilfebedarf der betroffenen Person angepasst sein. Um eine möglichst weitgehende Selbstbestimmung der betroffenen Menschen zu erreichen und auch zu sichern, dass Hilfsprodukte entwickelt werden, welche wirklich zielgerichtet helfen, ist man in den letzten Jahren dazu übergegangen, die Nutzer (User) der Angebote in die Planung und Entwicklung der Programme mit einzubeziehen.

 

Faktor Arbeit

Ein wesentlicher Aspekt für eine Teilhabe bildet nach wie vor der Faktor Arbeit. Ausschluss aus dem Erwerbsleben hat Folgen, die mit ihren psychologischen, kommunikativen und statusbezogenen Aspekten weit über direkte wirtschaftliche Konsequenzen hinausgehen. Gründe für das Scheitern am Arbeitsmarkt sind komplex und vielfältig und sind nicht unabhängig vom Umfeld, in welchem die Arbeit geschieht. Die Beziehung zwischen Berufstätigkeit und psychischer Gesundheit ist generell vielschichtig. Auf der einen Seite können ungünstige Arbeitsbedingungen – wie z.B. permanente Überlastung und Stress, aber auch die Sorge um den eigenen Arbeitsplatz – zu einem erhöhten Risiko für psychische Gesundheitsprobleme führen. Auf der anderen Seite ist Arbeit und die Teilhabe am Berufsleben ein wichtiger Faktor zum Erhalt der psychischen Gesundheit und kann bei psychisch erkrankten Menschen entscheidend zur Rehabilitation und Stabilisierung beitragen. Die Mehrzahl aller arbeitsrehabilitativen Hilfen verfolgt den traditionellen „train-and-place“-Ansatz: Es erfolgt ein mehr oder weniger umfangreiches vorbereitendes Training (train), bevor die Arbeitsaufnahme auf einem Arbeitsplatz versucht wird. Bestandteil der Programme sind zudem nach dem Abschluss des Trainingsprogramms Unterstützung bei der Suche nach einem Arbeitsplatz, Hilfen in der Einarbeitungszeit, längerfristige Betreuung am Arbeitsplatz oder systematische Kontakte zu Arbeitgebern. Realistischerweise ist festzuhalten, dass auch dem besten Trainingsprogramm Grenzen bei der Nachbildung der sozialen Realität gesetzt sind.

 

Conclusio

Die praktischen Errungenschaften der letzten Jahre im Bereich der sozialen Rehabilitation psychisch erkrankter Menschen sind unumstritten. Es ist mittlerweile kein Thema mehr, dass gemäß WHO psychische Gesundung nur dann möglich ist, wenn der gesundheitliche Aspekt mit dem sozialen und dem ökonomischen Aspekt gekoppelt wird und Programme unter einer ganzheitlichen Sicht entwickelt werden. Dennoch führen die Angebote zu einer steigenden Exklusion. Moderne soziale Rehabilitationsangebote benötigen daher mehr denn je die Validierung durch soziale Parameter. Therapie und Rehabilitation müssen noch näher an die Lebenswelt der Betroffenen rücken, um sie an der Teilnahme am wirklichen Leben zu unterstützen. Nicht die Frage nach Erfolg und Ziele eines Dienstes muss im Vordergrund stehen, sondern gefragt werden muss, inwieweit überhaupt eine Inklusion in das soziale System gelingt?

 

Andrea Zeitlinger, DSA - Geschäftsführerin von pro mente Steiermark



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