
In den letzten fünf Jahrzehnten kam es in den meisten europäischen Ländern zu einer grundlegenden Umstrukturierung der psychiatrischen Versorgung, die von Enthospitalisierung und den Prinzipien einer gemeindenahen Versorgung geprägt waren.
So konnten in Österreich etwa 60 Prozent der Betten abgebaut, die zehn psychiatrischen Krankenhäuser verkleinert, eines davon geschlossen und psychiatrische Abteilungen an Allgemeinkrankenhäusern eingerichtet werden. Im außerstationären Bereich hat sich ein Netz von gemeindenahen sozialpsychiatrischen Einrichtungen und Diensten für die soziale und berufliche Rehabilitation psychisch Kranker mit komplexem Versorgungsbedarf entwickelt. Diese außerstationären Hilfsangebote zur Tagesstrukturierung, zur Kontaktstiftung oder zur Unterstützung beim Wohnen werden häufig auch als sozialpsychiatrische Einrichtungen bezeichnet. Des Weiteren konnte im deutschen Sprachraum erreicht werden, dass jede/r praktisch tätige Psychiater/in so- wohl die Sozialpsychiatrie als auch die Psychotherapie und die biologische Psychiatrie als seine spezielle Kompetenz ansieht.
Dies ist auch gut so, da es im klinischen Alltag unabdingbar ist, für PatientInnen mit komplexem Betreuungsbedarf über grundlegende Kenntnisse aus allen drei Bereichen der Psychiatrie zu verfügen. Nur dies garantiert den einzelnen PatientInnen eine möglichst optimale Betreuung. Die Sozialpsychiatrie als jene Subdisziplin der Psychiatrie, die sich mit dem sozialen, räumlichen und zeitlichen Kontext beschäftigt, war und ist der zentrale Motor dieser Reformen. Der Vorreiter der Sozialpsychiatrie und der psychotherapeutischen Medizin in Österreich, Hans Strotzka, definierte 1972 Sozialpsychiatrie als „jene Wissenschaft, die sich systematisch mit der Bedeutung von sozialen, kulturellen sowie Umgebungsfaktoren in weitestem Sinn für seelische Gesundheit und Krankheit befasst. Sie bezieht dabei soziologische, sozialpsychologische und kulturanthropologische Momente sowohl in Bezug auf die allgemeine Beeinflussung der Auffassungen von Gesundheit und Krankheit als auch deren Bedeutung für den Einzelnen in ihre Betrachtung ein. Sie beschäftigt sich im Besonderen mit der Diagnose, Prognose, Therapie und Vorbeugung psychischer Krankheiten in und für Gruppen von Menschen.“
Die Bemühungen um die Rückkehr und Integration von schwer psychisch Kranken in die Gesellschaft sowie um eine echte Teilhabe an den zahlreichen gesellschaftlichen Möglichkeiten waren und sind Schwerpunkte der Sozialpsychiatrie. Das Spektrum ihrer wissenschaftlichen und praktischen Kompetenzen ist jedoch sehr viel breiter angelegt.
Kernbereiche der Sozialpsychiatrie
Auch wenn die Sozialpsychiatrie Überschneidungen mit der Sozialmedizin und der Public Health (soziale Ursachen und soziale Folgen von Erkrankungen, Prävention, Behinderungen, Planung und Organisation der Betreuung) aufweist, hat sie nicht nur ein eigenes Profil, sondern eigene konkrete Aufgaben in der Forschung und in der psychiatrischen Behandlung. Aus heutiger Sicht umfasst Sozialpsychiatrie unter anderem die folgenden zentralen Aspekte, die hier verkürzt dargestellt werden:
Psychiatrische Epidemiologie
(Aufgabe der Epidemiologie ist, Faktoren zu untersuchen, die zu Krankheit oder Gesundheit von Einzelnen oder Gruppen beitragen): Sie stellt eine wesentliche Grundlage für die Planung psychiatrischer Einrichtungen und für die Versorgungsforschung dar und liefert Informationen zu Risikofaktoren für das Auftreten, den Verlauf und die Folgen psychischer Erkrankungen. Somit ist die psychiatrische Epidemiologie eine der „basic sciences“ der Sozialpsychiatrie.
Gemeindenahe Versorgung
Die gemeindenahen, zur stationären psychiatrischen Versorgung komplementären Einrichtungen und Dienste (z.B. Tageskliniken, Wohneinrichtungen, Tagesstätten, aufsuchende Dienste) werden zu Recht als Einrichtungen der Sozialpsychiatrie verstanden. Auch wenn in diesen psychopharmakologische und psychotherapeutische Interventionen angeboten werden, liegt der Schwerpunkt auf soziotherapeutischen Ver- fahren (Gestaltung des Milieus, Aktivierung, Tagesstruktur).
Psychische Gesundheitsförderung und Prävention
Untersuchungen des Stigmas psychischer Erkrankungen, aber auch der damit verbundenen Diskriminierungen, unter denen Kranke, deren Angehörige und oft auch deren BehandlerInnen leiden, gehören zu den wichtigen Themen sozialpsychiatrischer Forschung. Auch die nach wie vor hohe Anzahl von Suiziden, die sehr stark mit dem Behandlungsdefizit besonders der an Depression Erkrankter vergesellschaftet ist, erfordert verstärkte Maßnahmen der Vorbeugung.
Rehabilitation
Zur Bekämpfung der negativen sozialen Folgen psychischer Erkrankungen (z.B. Schwierigkeit selbstbestimmt zu wohnen oder zu arbeiten) werden überwiegend Techniken aus dem Bereich der Soziotherapie eingesetzt. Aktivierung, Zeitstrukturierung, Gestaltung des räumlichen Umfeldes, Beratung künftiger ArbeitgeberInnen, gestuftes Training und Belastungserprobung gehören zu den wichtigsten Interventionsformen.
Angehörigenarbeit
Dabei geht es um Beratung, Information sowie die Bereitstellung von Unterstützung und konkreten Hilfestellungen, deren Wirksamkeit in zahlreichen Studien bestätigt werden konnte. Die Beschäftigung mit der Rolle der Kranken und ihrer Angehörigen in der Gesellschaft führte dazu, dass sich die Sozialpsychiatrie auch mit neu entwickelten Paradigmen, wie Empowerment, Recovery und Resilienz sowie mit den Einrichtungen der Selbsthilfe sowohl der Kranken als auch deren Angehöriger beschäftigte. Soziotherapie (auch als Milieutherapie bezeichnet) umfasst alle Maßnahmen, die die zeitliche, räumliche und persönliche Strukturierung des therapeutischen Kontextes in Institutionen und eine Gestaltung des alltäglichen Lebenskontextes des Patienten zum Ziel haben. Diese therapeutischen Maßnahmen dienen der Behandlung, der Rehabilitation und der Prävention von Rückfall und Verschlechterung. Tagesstrukturierung, Aktivierung, Kontaktstiftung, Gestaltung des therapeutischen Milieus und Angehörigenarbeit gehören somit zu den zentralen Elementen der Soziotherapie. Die Wirksamkeit der soziotherapeutischen Methoden wurde in zahlreichen wissenschaftlichen Studien bestätigt. Die gezielte und kontinuierliche Koordination dieser Maßnahmen (Case Management) hat das Ziel schwer und chronisch Kranken zu all jenen Angeboten zu verhelfen, die sie in der jeweiligen Situation benötigen.
Schlussbemerkungen
Sozialpsychiatrie, Psychotherapie und biologische Psychiatrie haben in der Krankenversorgung, in der Forschung und in der Lehre einen gleichen Stellenwert, ohne den eine zeitgemäße psychiatrische Behandlung nicht erfolgreich sein kann. Sozialpsychiatrie ist damit ein unverzichtbarer Kernbereich der Psychiatrie und muss auch in Forschung und Lehre in Form von spezialisierten Abteilungen an den Universitäten eine zentrale Rolle spielen.
Univ.-Prof. Dr. Hartmann Hinterhuber, Univ.-Prof. Dr. Ullrich Meise,
Gesellschaft für Psychische Gesundheit – pro mente tirol,
Exzerpt (leicht verändert) aus Neuropsychiatrie, Band 22, Nr. 3/2008, S. 148–152.
<< zurück


