In wirtschaftlich schlechten Zeiten steht der Sozialstaat vor besonderen Herausforderungen.
Die Politik muss einerseits alles tun, um die Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen, andererseits nehmen aber in wirtschaftlich schwierigen Zeiten die sozialen Notwendigkeiten wie (drohende) Arbeitslosigkeit oder zunehmende Spannungen in Betrieben unverhältnismäßig zu. Der Angstpegel in der Bevölkerung steigt, was bei anfälligen Personen psychische Störungen auslösen, bei schwer Betroffenen aber auch zu manifesten psychischen Leiden führen kann.
Wie immer im psychosozialen Bereich, sind meist nicht nur Einzelpersonen betroffen, sondern auch deren Familien, Ehepartner, Kinder oder ganze Personengruppen.
Verzerrung
Die mediale Welt schürt oft noch diese Ängste, indem sie beispielsweise die Probleme der älteren Menschen verzerrt darstellt. Sie werden als habgierige Greise bezeichnet, die die Existenz der Jungen gefährden. MigrantInnen werden vermehrt unter Druck gesetzt, weil auch sie die wohlverdiente (Wohlstands-)Lebensgrundlage der „Ureinwohner“ ge- fährden/streitig machen, oder Wirtschaftsbetriebe werden als maßlos und ausbeuterisch bezeichnet. Es ließen sich noch viele derartige Beispiele anführen.
Die ersten Reaktionen der Politik sind üblicherweise Beschwichtigungen, finanzielle Zuwendungen und Garantien für Großbetriebe oder Geldinstitute. Für den Durchschnittsmenschen sind diese Handlungen kaum nachvollziehbar und es besteht die Gefahr, dass Bevölkerungsgruppen gegeneinander ausgespielt/aufge- hetzt werden.
Überlastung
Fürwahr keine leichte Aufgabe für die politisch Verantwortlichen, denn mit weniger Geld mehr Sozialleistungen zu erbringen, scheint die Quadratur des Kreises zu sein. Nachdem dies noch keinem gelungen ist, bleibt ein beträchtlicher Teil dieser Last an jenen hängen, die die Sozialleistungen vor Ort erbringen. Sie sehen die große Not, sie sehen aber auch die Mängel im Sozialsystem. Dieser Spagat erzeugt einen Druck, der die im Sozial- und Gesundheitsbereich Tätigen enorm be- bzw. überlastet und die Burn-out-Rate in die Höhe schnellen lässt. Dieses kursorisch beschriebene Szenario dominiert zurzeit unser Leben.
Wie können diese Probleme gelöst werden? Soll man etwa den Sozialstaat zurückschrauben oder auf allen Ebenen Kürzungen vornehmen, um damit das Leid vieler Menschen noch zu verstärken? Oder sollte man die Wirtschaft rasch in Gang bringen und dafür sorgen, dass wieder Wohlstand eintritt, um dann den Sozialstaat weiter auszubauen?
Dies alles scheint die Politik eher zu überfordern, denn wirtschaftliche Entwicklungen richten sich nicht nach politischen Vorgaben. Es entsteht somit der Eindruck, als wäre die Konfliktsituation unlösbar. Ich maße es mir nicht an und sehe es auch nicht als meine/unsere Aufgabe, Patentlösungen zu liefern. Doch ich möchte dazu anregen, gerade jetzt über Grundsätzliches nachzudenken. Was ist für uns Menschen wirklich wichtig? Ist das Streben nach „immer mehr“ tatsächlich das einzig Seligmachende? Was sind die ethischen und moralischen Grundlagen für ein erfülltes Leben? Was brauchen Menschen überhaupt, um ein erfülltes Leben führen zu können?
Diese grundlegenden Diskurse zu führen, ist in jedem Bereich wichtig - das Nachdenken über Ethik, über spirituelle Inhalte des Lebens und über das menschliche Miteinander. Wir haben die Chance, neu zu definieren, wie wir Menschen, die in unser soziales Leben eintreten (z.B. MigrantInnen) gut integrieren können? Wir müssen überlegen, wie ein zufriedenes Leben geführt werden kann, auch ohne Bruttonationalprodukt und Wirtschaftsleistungen ständig zu erhöhen. Sind Menschen, die nicht daran teilhaben können, automatisch unglücklich?
Wenn wir uns vorurteilslos diesen Fragen stellen und uns um Lösungen bemühen, dann bietet die Wirtschaftskrise auch eine Chance, die wir wahrnehmen sollten. Ich wünsche uns allen, dass wir diese Chance auch als solche erkennen.
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