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[23.Dez.2009] Der Patient Weltwirtschaft und wir

Die Pferde der Hoffnung galoppieren, doch die Esel der Erfahrung schreiten langsam (russisches Sprichwort).

Rückblick auf September 2008: Schon viele Monate zuvor wurde auf die ersten alarmierenden Vorzeichen - wie ungezügelte Risikobereitschaft, mangelnde Realitätseinschätzung und drohender Kontrollverlust - nicht reagiert. Jetzt zeigte sich der Krise erstes Symptom: eine große Blase platzte. Für die rasch hinzugezogenen Diagnostiker war’s eine ernste, jahrelang wenig beachtete Erkrankung. Aktuell eine Situation, die entschlossenes Handeln erforderte, denn der Patient wankte - ein Kollaps drohte, ja war sogar sehr wahrscheinlich. Der jahrelange, hochriskante und egozentrische Lebensstil und der damit verbundene, gesundheitliche Raubbau hatten seinen Tribut gefordert. Als akute Krisenintervention waren hochdosierte Injektionen die ersten geeignet scheinenden Behandlungsmaßnahmen. Nach vielen unruhigen Nächten und einer leichten Stabilisierung des Patienten war klar, diese Erkrankung ist auf längere Sicht noch nicht ausgestanden. Nur eine gut abgestimmte Therapie aller Behandler und des Patientenumfeldes versprach mittelfristige Besserung. Vor allem wäre eine nachhaltige Veränderung des bisherigen Lebensstils des Patienten unabdingbar, um einer schweren chronischen Erkrankung vorzubeugen...

Eine entfesselte, globale Finanzmarktarchitektur am beinahe Zusammenbrechen, ein akkordiertes, weltweites Intervenieren von Regierungen um noch größeres drohendes Unheil abzuwenden und Menschen, die sich auf schwierige Zeiten einstellen müssen, waren die deutlich sichtbaren Zeichen dieser schwersten Krise seit den 1930er Jahren. Ereignisse weit weg von uns haben auch Europa schwer getroffen und den Begriff Globalisierung der Wirtschaft für jeden unmittelbar begreifbar gemacht. Wenn selbst die Banken, denen man bisher als mehr oder weniger Inbegriff von Stabilität vertraut hatte, in (Krisen-) Panik verfallen und sich auch gegenseitig nicht mehr trauen - kommt vieles ins Wanken.
Wie eine aktuelle Befragung zeigt, sehen sich zurzeit sechs von zehn Menschen durch die Wirtschaftskrise belastet (Karmasin-Motivforschung, Oktober 2009). Das heißt, dass auch gegen Ende des Jahres 2009 für viele das Thema ‚Wirtschaftskrise‘ als andauernde Hintergrundmusik mal lauter, mal leiser den Alltag mitbestimmt. Keiner kann am Thema vorbei, die Medienmaschinerie ist - von seriösen Experten bis hin zu selbsternannten Kassandras - angekurbelt und zwingt so jeden zur Auseinandersetzung mit der Krise.

Harte Wirklichkeit
Für andere ist diese Krise jedoch harte Wirklichkeit geworden, die Weltwirtschaftskrise ist dramatisch in ihr Leben hereingebrochen: als Arbeitslosigkeit, Kurzarbeit oder als völlig fehlende Perspektive von besonders jungen Arbeitssuchenden. Dazu kommt, dass in Zeiten prekärer ökonomischer Verhältnisse die Angst ganz allgemein zunimmt.

Instabilität – Psyche
Ganz besonders treffen solche Verhältnisse Menschen, die auf Grund schwieriger psychosozialer Bedingungen oder erhöhter psychischer Vulnerabilität schon von jeher schneller in einen Zustand seelischer Instabilität geraten. Dann muss neben einem Zurechtkommen mit den materiellen Einschränkungen dieser Zeit auch ein erheblicher Teil an psychischer Energie zur Bewältigung der inneren Irritationen und Erschütterungen aufgewandt werden. In unserer Praxis zeigt sich, dass es gegenwärtig umfassender Krisenintervention dringend bedarf, denn die psychosozialen Hilfsangebote der Einrichtungen der pro mente austria werden intensiv in Anspruch genommen und viele sind zurzeit an Auslastungsgrenzen.

Dr. Robert Fiedler
start pro mente

 



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