SERVICECENTER
* KONTAKT
* IMPRESSUM
* SITEMAP
* DRUCKVERSION
 
 
 
LOGIN
für MitarbeiterInnen

[17.Mai.2010] Inclusion als eine Chance für die Sozialpsychiatrie

„Soziale Inklusion“ heißt das neue Paradigma in der Sozialpsychiatrie. Das bedeutet, dass „jeder Mensch die Möglichkeit haben muss, in vollem Umfang an der Gesellschaft teilzuhaben“. So steht´s im Wikipedia. Stimmt das so?

Rachbauer: Ja.

Aber wie kann ein Mensch mit psychischen Beeinträchtigungen „in vollem Umfang an der Gesellschaft teilnehmen“? Ist das nicht eine sozialromantische Utopie?

Rachbauer: Nein, das ist keine Utopie, sondern eine klare gesellschaftspolitische Forderung. Die Psychiatrie hatte schon immer eine politische Dimension und muss daher Antworten auf aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen finden. Auf die Gefahr des Ausgrenzens, etwa von AusländerInnen, aber genauso von Menschen mit psychischen Problemen, muss die Antwort ein Gegenmodell sein, und das heißt soziale Inklusion.

Und was heißt das für pro mente?

Rachbauer: Dass neue Energie für die Sozialpsychiatrie entsteht. Die hat ja seit 25 Jahren geschlafen. Die letzte Neuerung war das Vorstellen des Trialogs beim Weltkongress für Soziale Psychiatrie in Hamburg. Wir haben daraus den Tetralog gemacht…

… ja, aber was heißt „Soziale Inklusion“ für pro mente konkret?

Rachbauer: Die soziale Teilhabe entspricht unserem Menschenbild in der Psychiatrie. Das heißt konkret: Wir kümmern uns auch um jene Menschen, die als schwierig gelten, also um jene, die sozusagen „keiner mag“.

Aber wie soll Menschen, die „keiner mag“, die volle soziale Teilhabe möglich sein?

Rachbauer: Das ist gar nicht so schwierig, wenn man die Bereitschaft dazu hat. Denn volle Teilhabe heißt für mich, dass in allen vier Dimensionen des gesellschaftlichen Lebens Bedingungen geschaffen werden müssen, die ein normales Leben möglich machen. Die sozialen und materiellen Bedingungen dürfen für Betroffene nicht schlechter sein, es muss die Möglichkeit geben, menschliche Beziehungen einzugehen und bei den rechtlichen Ansprüchen darf es keine Benachteiligung mehr geben.

Die Gesellschaft muss sich also verändern, damit Menschen mit Besonderheiten – so wie andere auch – leben und arbeiten können. Aber wo passiert diese Veränderung?

Rachbauer: Sicherlich überall dort, wo die immer stärker werdende UserInnen-Bewegung für Empowerment sorgt. Dann denke ich vor allem an unsere Laienhelferinnen und die Familienpflegerinnen, die seit Jahrzehnten Inklusion praktizieren. Oder an das Wohnen und Arbeiten im normalen Umfeld, für das wir Beziehungsnetzwerke rund um die Betroffenen bauen. Das gibt es mittlerweile in ganz Österreich.

Die soziale Inklusion hat also schon Tradition bei pro mente OÖ. Und doch sind die meisten Hilfsangebote für Menschen mit psychischen Besonderheiten in eigenen Einrichtungen zu

finden. Sollen die jetzt alle zusperren?

Rachbauer: Kein Mensch ist für eine Institution geboren, darum ist es tatsächlich so, dass wir unsere aktuellen Konzepte infrage stellen müssen …

…„infrage stellen“ klingt jetzt nicht nach grundsätzlicher Veränderung…

Rachbauer: …wir müssen ja sowieso phantasievollere Lösungen finden. Dazu zwingt uns die Budgetknappheit der öffentlichen Hände. Aber ich sehe hier auch die Chance, dass wir wegkommen vom strukturkonservativen Entwickeln neuer Einrichtungen. Das kostet ja viel zu viel Geld, das wir nicht bekommen.

Und die bestehenden Einrichtungen, werden die zusperren?

Rachbauer: Die Mauern der Einrichtungen werden niedergerissen. Statt der Mauern müssen Beziehungsnetzwerke zum Schutz der Betroffenen geschaffen werden.

Wann?

Rachbauer: Das hat schon begonnen, wir sind mittendrin. Dabei meine ich aber vor allem die Mauern in unseren Köpfen, weniger die baulichen, denn die wirklichen Mauern sind immer im Kopf.

Werden die Betroffenen in Zukunft mehr Macht haben, das neue psychosoziale Angebot zu bestimmen?

Rachbauer: Da hoffe ich sehr, dass wir die Userinnen und User beim Empowerment stärken können und dass wir dann die soziale Inklusion in Augenhöhe gemeinsam umsetzen.

Wie wird soziale Inklusion das Hilfsangebot von pro mente OÖ verändern, sagen wir bis 2015?

Rachbauer: Dann gibt es kein Bett mehr in einer Institution. Weder bei uns, noch anderswo, weil dann unter anderem der Grundsatz gilt „Holt die Alten aus den Heimen!“. Außerdem hat jeder eine Beschäftigung, Dank dem bis dahin eingeführten bedingungslosen Grundeinkommen.

Bei einem Grundeinkommen ohne Wenn und Aber: Würden dann nicht viele auf Arbeit und Beschäftigung verzichten?

Rachbauer: Nein, weil jeder Mensch notwendig sein will. Und dieses Grundeinkommen ist gerade im Arbeitsbereich unabdingbar, damit Menschen gerade das tun können, was sie wirklich wollen. Das ist ein ganz, ganz entscheidender Beitrag für die psychische Gesundheitsvorsorge. Keine Angst mehr vor Arbeitsplatzverlust, keine krank machende Arbeit mehr!

Und welche Rolle spielen dabei die psychosozialen ExpertInnen, die heute in den Einrichtungen arbeiten?

Rachbauer: Sie sorgen dann für die sozialen Räume, werden sozusagen zu psychiatrischen LandschaftspflegerInnen. So wie es heute in jeder Gemeinde Bedienstete gibt, die etwa Schneestangen zur Orientierung setzen, werden dann überall rechtzeitig Präventionsmaßnahmen gesetzt, um psychosoziale Probleme zu vermeiden. Weil wir dann direkt am Wohnort sind und so krank machende Verhältnisse rechtzeitig verändern können.

Mag. Christian Rachbauer ist seit 1986 Geschäftsführer von pro mente OÖ. In dieser Zeit wuchs der gemeinnützige Verein zum größten psychosozialen Dienstleistungsunternehmen Österreichs auf. Heute unterstützen 1.397 MitarbeiterInnen jährlich mehr als 25.000 Menschen.



<< zurück