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[18.Jul.2010] Lebensbruchstellen von Migrantinnen

Es gibt Belastungen, die auf die Tatsache der Migration zurückzuführen sind: Verlust von familiären Beziehungen und Verlust von sozialem Status, Isolation, Stress, Anpassungs- und Identitätsprobleme. Bei Flüchtlingen und AsylwerberInnen kommen Traumatisierungen durch Krieg, Verfolgung und Flucht dazu. Dann gibt es Belastungen, die entstehen durch die Lebensbedingungen in einer Gesellschaft, die MigrantInnen nicht teilhaben lässt: Belastende Arbeitsbedingungen und schlechte Wohnsituation, keine Anerkennung von Berufsabschlüssen und Diplomen und damit einhergehende Dequalifizierung. MigrantInnen gehören im Durchschnitt eher Gruppen mit geringerem Einkommen an. Ähnlich wie bei ÖsterreicherInnen in unterdurchschnittlichen sozioökonomischen Situationen führen daher zum Beispiel belastende Wohnungs- und Arbeitsbedingungen zu einem allgemein schlechteren Gesundheitszustand. Menschen mit Migrationshintergrund erleben tagtäglich Diskriminierung, Abwertung und Rassismus - all dies wirkt sich auf ihre psychische Gesundheit aus. Dazu kommt die Angst, die aufgrund des Fremdenrechts besteht: Menschen, die jahrelang hier leben, werden aufgrund von Gesetzesänderungen über Nacht illegalisiert, ein Recht auf Familienleben gibt es in Österreich nicht, auch wenn gemeinsame Kinder da sind. AsylwerberInnen leben jahrelang ohne Aufenthaltsrecht und ohne Arbeitsgenehmigung - beides wären Grundbedingungen für psychische Gesundheit. Für die gesundheitlichen Belastungen, denen MigrantInnen ausgesetzt sind, gibt es migrationsbedingte Ursachen und aber auch sozioökonomische und rechtliche Ursachen, welche durch eine Politik, die sich dazu bekennt, Einwanderung und kulturelle Vielfalt als positiv zu bewerten und MigrantInnen bei der gesellschaftlichen Integration unterstützt, verändert werden könnten.

Healthy migrant effect
In Österreich gibt es kaum Forschung zum Gesundheitszustand von Menschen mit Migrationshintergrund, aber Migration ist nicht unbedingt gleichzusetzen mit schlechter Gesundheit! MigrantInnen der 1. Generation sind oft überdurchschnittlich gesund (ausgenommen sind hier AsylwerberInnen). Wandern tun diejenigen, die es sich leisten können, die motiviert und fit sind und überzeugt, dass sie es – trotz aller Schwierigkeiten – schaffen werden und sich ein besseres Leben verwirklichen lässt. Während die 1. Generation oft gesünder ist als die Einheimischen, ist die 2. Generation dann häufig weniger gesund – aufgrund der ungünstigen Lebensbedingungen (Arbeit, Wohnen, Stress) in der aufnehmenden Gesellschaft. Auch bei Menschen mit Migrationshintergrund lohnt sich eine salutogenetische Sichtweise, d.h. weniger auf die Defizite als auf vorhandene Ressourcen zu schauen.

Menschen, die freiwillig ihr Land verlassen, bringen eine hohe Motivation und Eigeninitiative mit, entwickeln besondere Bewältigungsstrategien und nutzen ihre Familie bzw. ethnische Gemeinschaft als Ressource. Ihre Fremdsprachenkenntnisse, kulturelle Vielfalt, interkulturelle Kompetenz und Offenheit sind Ressourcen, die genutzt werden sollten.

Einwanderungsland
Österreich ist ein Einwanderungsland: rund 16 % der in Österreich lebenden Bevölkerung haben einen Migrationshintergrund, sind also entweder selbst zugewandert oder stammt aus einer Familie mit mind. einem zugewanderten Elternteil. Damit gehört Österreich – prozentual gesehen – weltweit zu den großen Einwanderungsländern. (Integrationsleitbild des Landes OÖ., 2008). Anders als etwa in Kanada, Australien oder USA wird diese Tatsache aber verleugnet, MigrantInnen werden als Spielball der Politik benutzt. Oft werden psychische Störungen, die durch den Migrationsprozess ausgelöst oder beeinflusst wurden, mit kulturspezifischen Verhaltensweisen verwechselt. Meist sind es sozioökonomische Faktoren, die die Menschen krank machen. Kenntnisse der Kulturen unserer ausländischen MitbürgerInnen sind hilfreich und nützlich, allerdings gibt es keine Patentrezepte.
MigrantInnen sind eine heterogene Gruppe mit unterschiedlichen kulturellen, migrationsbedingten und schichtspezifischen Hintergründen. Es geht weniger darum, ein neues Modell speziell für die psychosoziale Versorgung von Menschen mit Migrationshintergrund zu entwickeln, sondern interkulturelle Kompetenz ist als Teil der allgemeinen sozialen Kompetenz zu begreifen. Notwendig ist ein „Sich einlassen“ auf die Erfahrungswelt des anderen, Flexibilität und Kreativität, und keine Angst vor dem Fremden sondern Interesse, Wertschätzung und Respekt. Interkulturelle Kompetenz entsteht aber nicht von selbst, sie macht die strukturierte Auseinandersetzung mit den eigenen Zugängen, Bildern und Vorstellungen, mit den Vorbehalten, Stereotypen und Klischees erforderlich.

Türöffnerfunktion
Mehr MitarbeiterInnen mit Migrationshintergrund in der psychosozialen Versorgung sind notwendig, ihnen kommt eine spezielle „Türöffner-Funktion“ zu. Sie sind Vertrauenspersonen für die MigrantInnen und fördern gleichzeitig die Auseinandersetzung mit interkulturellen Themen in der Organisation.
Speziell ausgebildete Sprach- und KulturmittlerInnen - wie sie in anderen Ländern eine Selbstverständlichkeit sind - helfen, wenn nicht genug muttersprachliches Personal vorhanden ist. Interkulturelle Fortbildung für MitarbeiterInnen, muttersprachliches Informationsmaterial und Öffentlichkeitsarbeit in den Migranten-Communities tragen dazu bei, das Recht auf gesundheitliche Versorgung auch für Menschen mit Migrationshintergrund zu sichern.

Mag. Michaela Keita-Kornfehl, Zentrum für Interkulturelle Kompetenz, pro mente OÖ.

 



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