Gleich eingangs stellt sich die Frage, von welcher Art „Bruch“ in der Jugend zu sprechen ist: Aufbruch, Umbruch, Abbruch...? Vielleicht gibt es auch noch andere „Brüche“.
Das Jugendalter mit seinen „rasanten“ Veränderungen ist nachgerade dazu angetan, früh im Leben angelegte Bruchlinien deutlich werden zu lassen, Bruchlinien zu verschieben, aber auch wieder neue Verbindungen dort anzulegen, wo Bisheriges „weggebrochen“ ist. Aber man könnte auch noch kühner formulieren: Auch Unterbrechen, Innehalten will geübt sein: Beim Umgang mit anderen und mit sich selbst.
Bruchgewohnt
So gesehen ist also das Jugendalter eine „bruchgewohnte“ Lebensperiode, eine (herzens-)brecherische, in der manches scheinbar gut Gefügte zu bersten droht, mitunter auch bricht, häufig aber auch wieder neu zusammengefügt werden kann. Die jugendpsychiatrische Frage lautet daher: Welche „Bruchstellen“ sind typisch, welche gefährlich, welche krankhaft, sodass Therapie nötig wird. Hilfreich scheint es, in diesem Zusammenhang auch den Krisenbegriff zu verwenden und drei Typen von Krisen im Jugendalter zu unterscheiden:
a) die normopsychische Krise
b) die Anpassungskrise
c) die pathologische Krise
Bruchstellen
Die normopsychische Krise liegt im Wesen der Veränderungen in Pubertät und Adoleszenz. Die Gestalt des bislang kindlichen Körpers wandelt sich hin zu jener des Erwachsenen, Proportionen verändern sich, bisher Harmonisches wird vorerst dysproportional: Gesichtszüge, Gliedmaßen, auch die Körpermitte. Die kognitiven Fähigkeiten werden erweitert: Man denkt nicht nur mehr, sondern auch anders. So entsteht jetzt die Fähigkeit, über „das Denken nachzudenken“, die menschliche Existenz kritisch zu hinterfragen. Im emotionalen Bereich werden Veränderungen „spürbar“: Neue Gefühlsqualitäten kommen auf, die Affekte werden unstet, die Stimmung schwankt oft. Junge Menschen in diesem Alter sind oft „überschwemmt“ von Gefühlen, bei gleichzeitig „dranghafter“ Entfaltung sexueller Bedürfnisse.
Menschliche Sozialisation
Und letztlich schreitet die menschliche Sozialisation voran. Die Beziehung zu den bisherigen Hauptbezugspersonen, in aller Regel den Eltern, ändert sich, wird kritisch-distanzierter, die Kontakte mit peers werden auf eine neue Basis gestellt und Zweierbeziehungen gestalten sich neu, auch erotisch-sexuell unterlegt, was auch bisher ungewohnte Intimität beinhaltet. Krise bedeutet hier vor allem Wendepunkt zu Neuem, Unbekanntem. Sie ist charakterisiert durch einen Aufbruch zum Neuen, ins weite, unbekannte Land der Seele. Erhöhte Risikobereitschaft gibt hier Kraft, führt ab und zu auch zu manchem „Ausrutscher“. Psychopathologische Symptome im engeren Sinn finden sich in der normopsychischen Krise nicht.
Umbruch
Anpassungskrisen ereignen sich im „Raum von Pubertät und Adoleszenz“, sind aber doch durch ein höheres Maß an (subjektiv) erlebtem Scheitern gekennzeichnet als „gewöhnliche“, oben beschriebene „Pubertätskrisen“. Was für viele junge Menschen bewältigbar ist (unerwiderte Liebe, Schulwechsel, Wohnortwechsel, heftige Auseinandersetzungen mit Erwachsenen und Gleichaltrigen), ist für manche junge Menschen „zu viel“, sodass sie depressive Symptome, Angststörungen, psychosomatische Beschwerden entwickeln und mitunter auch feindselig-aggressive Verhaltensweisen an den Tag legen; auch Akte der Selbst- und Fremdverletzung können Ausdruck einer Anpassungskrise sein. Psychotherapeutische und gelegentlich auch pharmakologische Unterstützung ist hier angezeigt. Der Begriff des „Umbruchs“ lässt sich hier wohl am besten zuordnen. Narben (im wörtlichen und übertragenen Sinn) können bleiben.
Pathologische Krise
Die pathologische Krise ist als krankheitswertiger Zustand zu bezeichnen. Bereits vorbestehende psychische Erkrankungen, Defizite in der Persönlichkeitsentwicklung, aber auch unbewältigte, nicht selten wiederholte, ja dauerhafte traumatisierende Erlebnisse führen nun zu einem Abbruch der Entwicklung, bis hin zum Wunsch nach Abbruch des Lebens: Suizidalität ist die Folge, als sichtbares Phänomen solcher Zustände. Seit noch nicht allzu langer Zeit beschäftigen uns schwerste Ausformungen solcher pathologischer Krisen in der Jugendpsychiatrie in hohem Ausmaß, neue Versorgungskonzeptionen sind gefordert.
Im Übrigen ist es in dieser Altersstufe schwer, solche pathologischen Krisen als erste
Manifestation jener psychiatrischen Krankheitsbilder auszumachen, die sich dann in der späten Adoleszenz, also im frühen Erwachsenenalter, klarer diagnostizieren lassen: Schizophrene, depressive und bipolare Störungen. Schwere Selbstverletzungen und Vergiftungen in suizidaler Absicht, Selbstverstümmelungen, aber auch chronischer schädlicher Gebrauch von legalen und illegalen Substanzen zählen ebenfalls zu den Leitsymptomen pathologischer Krisen. Stationäre Behandlungsphasen sind in diesen Fällen oft unvermeidlich, um die Tiefe der jeweiligen Störung erfassen und wirksame, nachhaltige Therapieprozesse einleiten zu können.
Bruchstellen-Typologie
Für alle, die jungen Menschen zur Seite stehen wollen, ist die Kenntnis der facettenreichen Ausprägungen dieser „Bruchstellen-Typologie“ wichtig, um Jugendliche in Krisen tatsächlich dort „abholen“ zu können, wo sie stehen: Falsches Bagatellisieren ist hier mitunter genauso schädlich und gefährlich wie übertriebenes Pathologisieren. In allen Fällen haben Helfersysteme in der Jugendarbeit, welcher Profession sie auch immer angehören, die Aufgabe zuzuhören, junge Leute ernst zu nehmen, ihnen aber auch prinzipiell Ressourcen zuzuerkennen und zuzutrauen. Manch eine normopsychische Krise wird „pathologisch“, wenn jungen Menschen jeglicher Selbstwert abgesprochen, dafür aber auch kein Mut zugesprochen wird. Vertrauen, Mut und Sicherheit sind der Kit von Bruchstellen im Jugendalter.
<< zurück


