
Der zeitlich begrenzte Zustand der Krise ist darstellbar als ein Prozess des Suchens und erfolglosen Erprobens von individuell verfügbaren Lösungsstrategien.
Bewältigung
Die Bewältigungsmöglichkeiten von krisenhaften Ereignissen sind abhängig von der Art des Ereignisses, von der Bedeutung des Geschehenen für den betroffenen Menschen und den individuellen Voraussetzungen im Umgang damit. Den Menschen stehen dabei nicht unbegrenzte Optionen zur Verfügung. Sie verfügen über unterschiedliche persönliche, psychische und soziale Ressourcen, welche die Art der Krisenbewältigung individuell konstituiert und charakterisiert.
Dieses hohe Ausmaß an Individualität in der Bewältigung oder Nichtbewältigung von krisenhaften Ereignissen lässt eine theoretisch und empirisch begründete Kriseneinteilung nicht zu, aus der sich das krisentherapeutische Vorgehen bei bestimmten Krisentypen ableiten ließe.
Ebenso sind objektive Situationsmerkmale zur Charakterisierung der Krise niemals hinreichend, da die tatsächlich erlebte Belastung und die realen Bewältigungsformen keinesfalls vorausgesagt werden können. Nimmt man statt dessen Persönlichkeitsmerkmale als Grundlage einer Klassifizierung von Bewältigungsformen, so lassen sich daraus zwar Heuristiken für die krisentherapeutische Arbeit ableiten, die im aktuellen Kriseninterventionsgeschehen sinnvoll einsetzbar sind. Diese Bewältigungsformen sind allerdings zeitlich nicht stabil und dürfen einer individuellen Person nicht dauerhaft zugeordnet werden. Schließlich ist auch weder theoretisch noch empirisch hinreichend darstellbar, was unter erfolgreicher Bewältigung einer Krise zu verstehen ist. Beschreibungen wie positive Persönlichkeits-(weiter)entwicklung durch Krise bzw. als Gegenteil die Manifestation einer Störung, werden den vielfältigen Ausgängen von Krisen nicht gerecht. Die Unmöglichkeit einer krisentherapeutisch handlungsleitenden Systematisierung bzw. Klassifizierung von krisenhaften Ereignissen und der individuellen Art der Bewältigung ist ein wesentliches Charakteristikum der Krisenintervention.
Empirisches Wissen
Allerdings steht umfangreiches empirisches Wissen zur Verfügung, wenn es um Interventionen bei häufig auftretenden Lebensschwierigkeiten geht. Geht die Auseinandersetzung mit belastenden Umständen, biografischen Entwicklungen oder traumatischen Erfahrungen über eine zu erwartende Reaktion hinaus, kann sie als Anpassungsstörung bezeichnet werden. Akute, traumatische Ereignisse können einen psychischen Schockzustand auslösen, der als akute Belastungsreaktion bezeichnet wird.
In der Behandlung der Anpassungsstörung oder akuten Belastungsreaktionen im Rahmen der Krisenintervention ist die Optimierung der Bewältigungsstrategien von zentraler Bedeutung, mit dem Ziel der Wiederherstellung umfassender Selbstmanagementkompetenz. Die Exploration der individuellen Symptomatik, der Lebens- und Lerngeschichte der Betroffenen dient der gemeinsamen Erarbeitung eines für die Betroffenen nachvollziehbaren Störungsmodells. Dieses bildet die Grundlage zur Formulierung von Zielen der Intervention, welche in der Regel Symptomreduktion, Erarbeitung von funktionalen Bewältigungsstrategien und deren reale Erprobung im Alltag und das Entwickeln neuer Perspektiven umfassen.
Bei akuten Belastungsreaktionen handelt es sich zunächst um normale psychologische bzw. physiologische Reaktionen auf traumatische Ereignisse. Es ist allerdings in der Krisenintervention auf jene Symptome besonderes Augenmerk zu legen, die auf das Entstehen einer krankheitswertigen Belastungsstörung hinweisen.
Ursachen der Intervention
- Krisenhafte Reaktionen nach traumatischen Erlebnissen mit der schreckenerregenden psychischen Dimension der unmittelbaren Bedrohung von Leib und Leben, begleitet von intensiver Furcht und Hilflosigkeit. Der Verlust von nahe stehenden Menschen durch Krankheit oder der Schock des Verlassen-Werdens haben diese Dimension in der Regel nicht.
- Krisen nach dem Tod von nahe stehenden Menschen, vor allem dann wenn das Ereignis plötzlich und unerwartet eintritt und zusätzliche Belastungen entstehen. Viele Forschungsbefunde weisen darauf hin, dass Trauerverläufe nicht gleichförmig sind und individuell stark variieren, sodass in der Krisenintervention von gesundem oder krankhaftem Trauern nicht ausgegangen werden sollte; vielmehr ist auch hier von individuell spezifischen Trauerverläufen auszugehen, damit Trauerarbeit mit der Welt- und Lebenssicht der Betroffenen vereinbar bleibt.
- Chronische somatische Krankheiten und Behinderungen die vielfach eine Abhängigkeit vom medizinischen Versorgungssystem bedingen, welches nicht selten der psychischen Belastung der Betroffenen nur inadäquat Rechnung trägt; die Belastung trifft nicht nur die Erkrankten, sondern auch deren Umfeld in all ihren Lebensvollzügen.
- Krisen aufgrund von Lebensveränderungen und den damit verbundenen Identitätsproblematiken, die Zweifel an der eigenen Person vor allem im Hinblick auf Selbstwert und Selbstwirksamkeit erzeugen.
- Partnerschaftskrisen sind der häufigste Anlass für die Inanspruchnahme der Krisenintervention. Häufig kommen Paare aber so spät, dass in der Krisenintervention oftmals die Verminderung bzw. Vermeidung (z.B. Gewalt) der Auswirkungen von Partnerproblemen fokussiert werden muss.
- Trennungs- und Scheidungskrisen im Rahmen derer meist die Verlassenen in die Krisenintervention kommen mit Depressionen, Hoffnungslosigkeit, Wut, reduziertem Selbstwerterleben und existenziellen Ängsten.
- Krisen in Verbindung mit Arbeitslosigkeit sind gekennzeichnet von depressiver Symptomatik, Abhängigkeits- und Minderwertigkeitsgefühlen, existenzielle Zukunftsängste, und nicht selten mit Alkoholabusus, als dysfunktionaler Lösungsstrategie.
- Überdauernde Anfälligkeit durch Persönlichkeitsstörungen und soziale Notlagen mit geringer Frustrationstoleranz und der besonderen Herausforderung für MitarbeiterInnen in der Krisenintervention, dass längerfristige Zielplanungen und Konsequenz in der Betreuung meist nicht möglich sind.
- Krisen aufgrund von Vereinsamung und der Schwierigkeit, Betroffene zu ersten Schritten heraus aus ihrer Einsamkeit zu motivieren; es existieren oftmals irreale Phantasien über einen Wunschpartner; die Realitätsprüfung und Infragestellungen dieser Phantasien in der Krisenintervention stoßen auf massive Widerstände; nicht zuletzt aufgrund erhöhter Suizidneigung sind diese Krisen oftmals im Rahmen der Krisenintervention nicht behandelbar.
Krisensituationen sind meist multikausal und komplex, in ihrer Ausprägung und in den von den Betroffenen bereits erprobten Lösungsversuchen hochgradig individuell. Krisenintervention muss diesem Umstand in adäquater Art und Weise Rechnung tragen, sowohl in der eigentlichen Arbeit in der Krisenintervention, als auch in Kooperation mit Partnern des psychosozialen Versorgungsfeldes.
Josef Demitsch ist Leiter der Ambulanten Krisenintervention, pro mente Salzburg
josef.demitsch@promentesalzburg.at
Ambulante Krisenintervention: 0 662 433351 (rund um die Uhr)
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