Krisen, Lebensumbrüche sind ein Bruch in der Kontinuität und Normalität unseres Lebensverlaufs und katapultieren uns häufig in heftiger Weise aus unserem „Alltagstrott“. Immer werden dabei Lebensentwürfe in Frage gestellt, bisher Bewährtes muss vielleicht völlig neu bewertet werden, mitunter begleitet durch intensive emotionale Reaktionen, wie Verleugnung, Hilflosigkeit, Wut, Selbstzweifel und Scham.
Sie treffen jeden - irgendwann: Krisen (und auch Scheitern) sind unvermeidlich, sind Teil unserer menschlichen Existenz. Und wir verlassen Krisen nicht unverändert, wir kommen nicht „ungeschoren“ davon, denn diese oft schmerzhaft spürbaren Brüche in unser aller Leben sind gewissermaßen existenzielle „Weichen“.
Lebensweichen
Weichen, an denen unser Leben neu aufgestellt wird, an denen es Optionen für Veränderungen gibt, für kleine oder größere Richtungsänderungen, oder Gelegenheiten das Segel mit dem Wind neu zu setzen. Interessanterweise gibt es immer wieder Menschen, denen widrigste Umstände und dramatische Ereignisse wenig anhaben können. Sie leiden unter solchen Ereignissen wie jeder andere Mensch auch, aber sie zerbrechen nicht an ihnen, sondern gehen oft sogar gestärkt aus diesen Lebensphasen hervor. Man spricht in diesem Zusammenhang von „resilienten“ Menschen. Resilienz (v. lat. resilire „zurückspringen“ „abprallen“, zu deutsch etwa Widerstandsfähigkeit) ist die Fähigkeit, Krisen im Lebenszyklus aus eigener Kraft zu meistern und als Anlass für Entwicklungen zu nutzen. Ein sehr ausgeprägtes Merkmal bei Menschen mit einem hohen Ausmaß an Resilienz ist deren aktive Einstellung zu auftauchenden Problemen. Resiliente Personen haben erlernt, dass sie es sind, die über ihr eigenes Schicksal bestimmen (im Sinne einer Selbstwirksamkeitserwartung). Sie vertrauen nicht auf Glück oder Zufall, sondern nehmen die Dinge selbst in die Hand.
„Lebensproben“
Dieses die „Dinge selbst in die Hand nehmen“, soll hier aufgegriffen werden, denn auch Menschen die ein geringeres Ausmaß an Resilienz an sich haben, die in Krisen „Schneller‚ aus der Bahn“ geworfen werden, können davon profitieren: Es ist entscheidend, dass man in bestimmter Weise und aktiv an diese unausweichlichen „Lebensproben“ herangeht. Nachstehend sollen Ihnen einige Anregungen dabei weiterhelfen.
- Ein erster und schwieriger Schritt für viele ist es sich überhaupt einzugestehen in einer Krise zu stecken. Panikmache ist dabei aber ebenso wenig angesagt, wie sich die derzeitige Situation schönzureden (sonst folgt bald das Burnout auf dem Fuße!).
- Geben Sie sich Raum für Ihre wechselnden Gefühlslagen, ohne sich davon mitreißen zu lassen. Gedanken wie „Nie mehr komme ich da raus“, „Das Leben ist zu Ende“, „Das kann ich nicht aushalten“ lähmen. Geben Sie Ihren Ängsten allzu viel Raum, dann lassen Sie es zu, dass die hinter den Ängsten stehenden Möglichkeiten Wirklichkeit werden. Wenn Sie z.B. die ganze Zeit nur daran denken, dass Sie Ihren Job verlieren könnten, werden Sie irgendwann unaufmerksam werden und Fehler machen, die Sie wirklich den Job kosten können.
- Leben Sie von Tag zu Tag, denn in solchen krisenhaften Zeiten sind wir an manchen Tagen so von unseren Gefühlen überwältigt, dass wir uns nicht vorstellen können, wie wir diese Krise überhaupt überstehen können. Dann ist es hilfreich, sich immer nur einen überschaubaren Tag vorzunehmen: „Heute kann ich es schaffen! Was kann ich heute für mich tun?“
- Sprechen Sie mit Freunden und Bekannten, denen es ähnlich ergangen ist. Für viele von uns ist es tröstlich, Menschen aufzusuchen, die in einer ähnlichen Krise steckten und sie bewältigt haben, so nach dem Motto - „Wenn er das geschafft hat, dann könnte es mir ja auch möglich sein!“: Gibt es in Ihrem Freundes- oder Bekanntenkreis einen Menschen mit ähnlichen Erfahrungen? Warum rufen Sie ihn nicht einfach einmal an? Oder vielleicht gibt es eine Selbsthilfegruppe in Ihrer Nähe?
- Bleiben Sie bei den einfachen Ritualen des Lebens: wie regelmäßigem Essen, ausreichendem Schlaf, anregende aber nicht übertriebene Bewegung.
- Erinnern Sie sich an Situationen, die Sie früher erfolgreich bewältigt haben: Was hat Ihnen damals die Kraft dazu gegeben? Was haben Sie sich damals gesagt? Was haben Sie getan, wen haben Sie um Unterstützung gebeten? Können Sie dieses Mal genauso vorgehen?
- Es gibt nichts Schlimmeres, als in einer Lebenskrise allein zu sein. Ein eng gefügtes, funktionierendes Netzwerk sozialer Kontakte gibt Ihnen Halt und Unterstützung in Krisensituationen. Neben Ihrer Familie, Ihrem Freundeskreis und nahe stehenden Nachbarn kann Ihnen die Mitarbeit in gemeinnützigen Organisationen, in Vereinen oder die gemeinsame Ausübung von Hobbys einen solchen Halt bieten. Je größer und bunter dieses Netzwerk geknüpft ist, desto wahrscheinlicher besteht es in der Krise eine Zerreißprobe.
- Gerade in Krisensituationen neigen Menschen dazu, zu viel von sich selbst zu fordern. Erkennen und akzeptieren Sie Ihre Grenzen. Schaffen Sie sich auch mitten im Strudel dieser Phase Zonen der Ruhe, die unantastbar sind: Holen Sie sich in ihrer Vorstellung Ihre eigenen persönlichen „Kraftplätze“ wieder hervor. Plätze an denen Sie sich früher wohl fühlten. Stellen Sie sich diese Orte, oder Ereignisse in allen sinnlichen Qualitäten wieder vor und verweilen Sie eine Zeitlang darin. Oder notieren Sie Ihre aktuellen Gefühle, Beobachtungen. Es tut immer gut, Distanz zur Krise zu bewahren und Sie werden feststellen, dass das schriftliche Festhalten Abstand schafft.
- Und ganz wichtig, stellen Sie sich die Frage: „Was kann ich aus dieser Krise lernen?“ „Welchen Sinn kann ich ihr in meinem Leben einräumen?“ Denn wer der Krise einen Sinn gibt, öffnet sich dem eigenen Leben in seiner ganzen Tiefe und geht immer als ein anderer daraus hervor.
Wenn aber die aufgetretenen Beschwerden dieser Krise Ihr Leben drastisch einengen, wenn alltägliche Verrichtungen über einen gewissen Zeitraum nicht mehr gelingen oder Ihre sozialen Beziehungen gefährdet sind, dann scheuen Sie sich nicht professionelle Hilfe aufzusuchen. Setzen Sie sich mit Beratungsstellen in Ihrer Region in Verbindung, suchen Sie einen Psychotherapeuten oder einen Psychiater auf.
Übrigens für Impulse hin zu einer widerstandsfähigeren, psychischen Gesundheit bieten sich besonders die „10 Schritte zur psychischen Gesundheit“ an, die Sie auf Anfrage bei Mitgliedsorganisationen der pro mente Austria anfordern können oder direkt (zum Selbstkostenpreis) über den start, Karmelitergasse 21, 6020 Innsbruck, mail: office@verein-start.at bestellen können.
Dr. Robert Fiedler,
Leiter vom Verein Start in Innsbruck
<< zurück


