Beispiele zur Lebenskrise sind der Übergang vom Kleinkind zum Schulkind, vom Jugendlichen zum Erwachsenen, von der Paarbeziehung zur Elternschaft, oder vom Arbeitsleben in die Pension.
Lebensereignisse
Weiters erleben viele von uns auch kritische Lebensereignisse oder traumatische Erfahrungen, die bezüglich ihrer Intensität oder Dauer die körperliche oder psychische Integrität nachhaltig beeinträchtigen können. Hierzu zählen schwerwiegende Erkrankungen oder Unfälle, Trennung bzw. Verlust von nahe stehenden Personen, Naturkatastrophen (z.B. Hochwasser) oder durch Menschen verursachte Katastrophen (z.B. Krieg, Folter, sexualisierte Gewalt).
Ungleichgewicht
Generell tendiert der menschliche Organismus zur Homöostase, d.h. zu einem inneren Gleichgewicht. Ist das Ausmaß an Beanspruchungen (bzw. Belastungen) in einem natürlichen Verhältnis zum Ausmaß an verfügbaren Ressourcen, so entsteht ein „Flow“-Gefühl. Der dabei empfundene Stress wird auch als Eustress bezeichnet, der uns herausfordert, aber nicht überfordert. Kommt es zu einem längerfristigen Ungleichgewicht zwischen Belastungen und Ressourcen, so entsteht Distress, der potenziell gesundheitsgefährdend sein kann. So verschieden Menschen sind, so unterschiedlich ist auch die individuelle Verarbeitung dieser „Bruchstellen“ in der Lebenslinie. Ob das Erlebte einigermaßen unbeschadet bewältigt werden kann oder ob krankhafte Entwicklungen mit zum Teil chronischen Beeinträchtigungen daraus resultieren, hängt von verschiedenen Faktoren ab:
- Ereignisfaktoren wie z. B. die Art, Dauer und Schwere des belastenden Ereignisses bzw. der daraus resultierenden Traumatisierung,
- Risikofaktoren, dazu zählen u. a. niedriger sozioökonomischer Status, mangelnde soziale Unterstützung etc. und
- Schutzfaktoren, allen voran soziale Unterstützung und rasche Hilfe
Strategie
Um krankhaften Entwicklungen entgegenzuwirken, empfiehlt die EUKommission eine Strategie mit folgenden Schwerpunkten:
- Generelle Förderung der psychischen Gesundheit
- Prävention psychischer Erkrankungen
- Verbesserung der Lebensqualität durch soziale Integration sowie den Schutz der Menschenrechte und Menschenwürde (vgl. Grünbuch 2005, 8)
Dieser Ansatz verdeutlicht das Zusammenspiel einer Vielzahl von Akteuren innerhalb und außerhalb des Gesundheitssektors, deren Entscheidungen jeweils Auswirkungen auf die psychische Gesundheit der Bevölkerung haben. Im letzten Jahrzehnt wurde - neben der Erforschung krankmachender Einflussfaktoren- dem Resilienz-Konzept vermehrt Augenmerk geschenkt.
Resilienzkonzept
Unter Resilienz versteht man die Fähigkeit gesund zu bleiben, trotz widrigster Lebensumstände und maximaler Belastungsfaktoren. Resiliente Menschen unterscheiden sich in einigen wesentlichen Stressbewältigungsfähigkeiten und inneren Haltungen von anderen Personen: sie akzeptieren Krisen und die damit verbundenen (negativen) Gefühle; sie suchen nach Lösungen, lösen ihre Probleme aber nicht alleine; sie fühlen sich in Krisen nicht als Opfer und bleiben optimistisch; sie geben sich nicht an allem die Schuld und planen die Bewältigung von Belastungen im Voraus, d.h. sie beugen vor. Symptome als Reaktion auf Belastungen und krisenvorübergehende psychische Veränderungen bzw. psychosoziale Beeinträchtigungen nach schwerwiegenden Belastungen oder Traumatisierungen müssen nicht notwendigerweise krankhaft sein, sondern können auch als Teil der Auseinandersetzung und Verarbeitung des Individuums mit dem Erlebten angesehen werden. Oft erleben Betroffene eine Art von „Betäubung“, mit einer gewissen Bewusstseinseinengung und eingeschränkten Aufmerksamkeit, eine Schwierigkeit, Reize zu verarbeiten und eine gewisse Orientierungslosigkeit.
Diesem Zustand kann ein weiteres Sich-Zurück-Ziehen aus der Umweltsituation folgen oder aber ein Unruhezustand, Überaktivität oder Fluchtreaktion. Vegetative Zeichen von Übererregbarkeit wie Tachykardie, Schwitzen, Erröten, Schwindel, schnelles Atmen, Übelkeit oder Brechreiz können auftreten, ebenso Schreckhaftigkeit oder Schlafstörungen. Insbesondere nach traumatischen Erfahrungen kann es zu wiederholtem Erleben von traumarelevanten Inhalten in Form von sich aufdrängenden Erinnerungen (Nachhallerinnerungen, Flashbacks), Träumen oder Alpträumen kommen, die vor dem Hintergrund eines andauernden Gefühls von Betäubtsein und emotionaler Stumpfheit auftreten. Ferner finden sich Gleichgültigkeit gegenüber anderen Menschen, Teilnahmslosigkeit der Umgebung gegenüber, Freudlosigkeit sowie Vermeidung von Aktivitäten und Situationen, die Erinnerungen an das Trauma wachrufen könnten. Vorübergehende ängstliche oder depressive Stimmungsschwankungen können die Folge sein.
Anpassungsstörungen
Die Beschwerden können wenige Stunden bis Tage, mitunter Wochen andauern. Zwischen diesen vorübergehenden Veränderungen und krankhaften Entwicklungen bestehen fließende Übergänge. Übersteigt das Ausmaß der psychischen Veränderungen einen subjektiv kritischen Leidensdruck hinsichtlich Intensität oder Dauer, so erreichen die Beschwerden den Grad einer psychischen Störung. Diese krankhaften Entwicklungen werden nach der Internationalen Klassifikation psychischer Störungen (ICD-10. Kapitel F, WHO 1992) vor allem als „Reaktionen auf schwere Belastungen und Anpassungsstörungen“ (Kapitel F43) definiert. Auch Traumafolgestörungen, wie z.B. die posttraumatische Belastungsstörung (F43.1), zählen zu dieser Diagnosegruppe.
Menschen im Kontext von „Sozialer Ungleichheit“, die von Langzeitarbeitslosigkeit bzw. längerfristiger Arbeitssuche, Migration, Gewalterfahrungen oder Armut betroffen sind, die sich am Übergang zur Pension oder in der langfristigen Pflege von Angehörigen befinden, gelten als sog. vulnerable (d.h. „anfällige“) Gruppen für die Entwicklung von Stressfolgekrankheiten.
Zu beachten ist dabei, dass die angeführten Beispiele, wie Migration, Traumatisierung oder Eintritt in den Ruhestand, für sich alleine meist noch keine Krankheitsauslöser sind, sondern erst durch die Wechselwirkung von individueller Konstitution mit strukturellen und institutionellen Faktoren zu krankhaften Entwicklungen führen.
Präventionsmodelle
Soll nun im Rahmen von Präventionsmodellen krankhaften Entwicklungen vorgebeugt werden, so müssen sowohl Aspekte der Verhaltensprävention (z.B. Förderung der Selbstheilungskräfte) als auch Aspekte der Verhältnisprävention (z.B. Förderung der Teilhabe bei der Gestaltung sozialer Umwelten) Berücksichtigung finden.
Generell wird unterschieden:
- Primärprävention bedeutet die generelle Vermeidung, Erkennung und Beeinflussung auslösender oder vorhandener Risikofaktoren bezüglich bestimmter Gesundheitsstörungen.
- Sekundärprävention dient der Entdeckung eines eindeutigen (auch symptomlosen) Frühstadiums einer Krankheit und ihrer erfolgreichen Frühtherapie. Ein „Frühwarnsystem“ soll die Entwicklung von Sekundärsymptomen vermeiden und zur Senkung von Therapiekosten beitragen.
- Tertiärprävention hat zum Ziel, bei bereits eingetretener Erkrankung das Komplikationsrisiko für Folgeerkrankungen zu senken und Chronifizierungsprozesse zu minimieren. Sie ist daher im engeren Sinne keine Krankheitsprävention mehr (vgl. WHO 1997).
Während die Diagnostik und Behandlung psychischer Erkrankungen und der daraus resultierenden psychosozialen Einschränkungen heute bereits vielerorts gut etabliert werden konnte, finden sich in der psychosozialen Gesundheitsvorsorge noch Lücken.
Screeningmassnahmen
Zu fordern wäre hier, dass durch geeignete Screeningmaßnahmen Menschen in kritischen Lebensphasen, die gleichzeitig ein erhöhtes Risikoprofil für die Entwicklung psychischer Erkrankungen aufweisen, rechtzeitig erkannt werden, bevor sie schwerwiegende Krankheitsprozesse mit langfristigen Folgeschäden auf sich nehmen müssen; dass sie im Rahmen niederschwelliger Interventionsprogramme in der Entwicklung von persönlichen Ressourcen zur Stressbewältigung maximal unterstützt und gefördert werden; und dass sie durch geeignete strukturelle Maßnahmen weiterhin am psychosozialen Umfeld teilhaben können.
Verhaltensprävention
Diese Maßnahmen lassen sich in Form von Programmen zur Verhaltens- und Verhältnisprävention realisieren, sobald entsprechende Finanzierungsmodelle hierfür gefunden werden können.
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