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[20.Dez.2011] Drei Gedanken zur „Kunst im psychosozialen Kontext“

Wir betreten ein zerklüftetes Terrain, wenn wir uns diesem Thema nähern. Sie können an diese sagenhaften Tafelberge denken, die sich aus dem südamerikanischen Urwald erheben. Ist man erst einmal mit viel Mühe hinaufgeklettert, bietet sich dort oben nicht die erhoffte einladende und übersichtliche Fläche aus, die man sich erwartet und vorgestellt hat, mit schöner Aussicht aufs umgebende Land. Nein, man ist wieder in einer Wildnis gelandet, aber in einer, die von unzähligen Spalten und Gräben durchzogen ist, sodass kaum an ein Fortkommen zu denken ist. Kunst und Therapie, Kunst und Wahn, das wahnsinnige Genie, die Liste der Kunstschaffenden, welche an psychischen Störungen gelitten haben, Künstler und psychisch Kranke als Außenseiter der Gesellschaft, Kunsttherapie... In regelmäßigen Abständen erscheinen Manifestationen dieses Wechselverhältnisses im sozialen Raum als Ausstellungstitel, als programmatische Ideen, als Versuch, etwas zu benennen und festzustellen, was uns offensichtlich tief drinnen beschäftigt. „Jeder Mensch ist ein Künstler“, so hat sich Josef Beuys ausgedrückt und damit vielen ein gängiges Vorstellungsbild von der Kunst und den Künstlern ramponiert. „Jeder Mensch kann psychische Probleme entwickeln und daran krank werden“, das ist ein wichtiger Leitsatz des sozialpsychiatrischen Denkens – im Versuch, Menschen klar zu machen, dass sie nicht gefeit sind gegen psychosoziale Not und gut daran tun, Toleranz und Entgegenkommen denen gegenüber zu entwickeln, für die das psychische Leiden schon eine traurige und belastende Tatsache geworden ist. Auch das sozialpsychiatrische Denken hat Vorstellungen ramponiert – die Vorstellung von der eigenen Unverwundbarkeit z.B., oder die Vorstellung, dass man ein „besserer Mensch“ ist, wenn man kein Patient ist. Wenn man so ins Denken kommt scheint etwas dran zu sein an dieser immer wieder auftauchenden Verbindung von Kunst und Psychischem, Psychosozialem, Therapie...

Definition

Beides steht in einem kritischen Verhältnis zum „Normalen“, beides stellt die so genannte Wirklichkeit infrage. Der Unterschied ist, dass man Künstler in gewisser Weise freiwillig ist und wird, sich freiwillig in dieses „Andere“ begibt, während man als Mensch mit psychischen Problemen und einer dadurch verschobenen Sicht auf die allgemein akzeptierte Wirklichkeit, dies im Regelfall nicht freiwillig und absichtlich macht. Man erleidet es oder erfährt es, es widerfährt einem, könnte man stimmiger sagen. Wenn man allerdings noch genauer an dieser Stelle hinsieht in der Form, dass man z.B. mit Menschen, die künstlerisch arbeiten, sich eingehend unterhält, dann kann man erkennen, dass es mit der Freiwilligkeit des Künstlers auch nicht so weit her ist. Viele Kunstschaffende müssen sich manchmal ausdrücken und haben oft gar keine andere Wahl, es drängt sie machtvoll dazu, ihre Arbeiten zu vollbringen. Auch ihnen widerfährt ihr Werk, sodass sie formale und inhaltliche Entscheidungen im Arbeits- und Werksprozess nur bedingt bewusst steuern können. Sie berichten andererseits auch, dass Kreativität, spontaner Schaffensfluss, Inspiration und vor allem die kontinuierliche Kraft zur künstlerischen Arbeit ins Stocken geraten können, dass sie nicht vom Ich steuerbar sind und nicht beliebig abrufbar. Halten wir also fest, dass es Gemeinsamkeiten gibt, aber belassen wir es vorerst dabei, diese Gemeinsamkeit in einem kritischen oder verschobenen Verhältnis zum Alltagsbewusstsein zu sehen, in der Relativierung und im In-Frage-Stellen des Bildes der Wirklichkeit, das wir gewohnheitsmäßig haben. Wichtig scheint mir auch, diesen „common sense“, diese „Normalität“ nicht vorschnell zu verurteilen – so als gäbe es z.B. in der künstlerischen oder psychoaktiven Betrachtungsweise der Wirklichkeit ein höheres Ausmaß an Wahrhaftigkeit oder Eigentlichkeit zu bemerken, etwas im weitesten Sinne „Besseres“.

Wenn wir der Versuchung nicht erliegen, uns die Kunst und die Künstler als eine bessere und eine wesentlichere Form des Mensch-Seins zu denken, genauso wenig wie die psychisch Veränderten und die Psychische Krankheit, dann können wir uns auf die Definition zurückziehen und dort verweilen, dass beide – nennen wir sie ruhig so – Wirklichkeitszustände anders sind. In ihrer Anders-Geartetheit sind sie verwandt und sie sind sich nahe, weil sie das normale Leben aus einem anderen Blickwinkel sehen, ihm von Außen sozusagen gegenüber stehen. Vieles, was im normalen Leben unhinterfragt einen Sinn gibt, hat diesen von außen nicht mehr so ohne weiteres, seien es nun Reichtümer, Sicherheiten oder gewisse Ziele.

Begrenzte Zeit

„Es ist vieles lächerlich, im Angesicht des Todes ist alles lächerlich“, diese wunderbaren Worte hat Thomas Bernhard bei der Verleihung des Österreichischen Staatspreises als seinen Dank ausgesprochen – und damit einen weiteren veritablen Skandal entfesselt, weil viele der anwesenden Würdenträger sich persönlich infrage gestellt sahen. Die Tatsache und das Bewusstsein des Todes sind ein wichtiges Thema in der anderen Wirklichkeit, das Bewusstsein um die begrenzte Zeit und die daraus resultierenden Folgen, auch das Bewusstsein um die vergehende Zeit, das Bewusstsein des Lebenszyklus. Etwas tief in uns weiß um diese vergehende Zeit Bescheid, fühlt sie und zieht daraus Konsequenzen. In der kognitiv dominierten Alltagswirklichkeit werden diese Bewusstseinsgestalten unterdrückt, das Ich als zentraler Bewusstseinsagent denkt sich gern unsterblich und letztlich unbegrenzt. „Ich bin immer schon so gewesen ...“ und „Ich werde immer weiter so sein ...“. Theoretisch wissen wir natürlich, dass wir sterblich sind, aber das Ich schützt uns vor der radikalen Erfahrung des Abgrunds, welche die Vorstellung des Todes mit sich bringt. Im Angesicht des Todes ist alles lächerlich ...

Warum zieht es so viele therapeutisch Tätige zur Kunst? Warum hat die Kunst im Kontext des therapeutischen, psychosozialen Handelns einen solchen Stellenwert erhalten? Warum gibt es die Kunsttherapie, die Schreibtherapie, die Musiktherapie, Tanztherapie; warum ist Künstlerisches in einigen psychotherapeutischen Schulen zur zentralen Achse der Methodik geworden – z.B. das Darstellerische im Psychodrama und in der Gestalttherapie, oder das Imaginative und Malerische in der Kathatym-Imaginativen-Psychotherapie? Warum bewähren sich Kunstseminare als Fortbildungsinstrumente von therapeutischen Mitarbeitern und bewirken wesentlich nachhaltigere Effekte hinsichtlich ihrer therapeutischen Sensibilität als kognitiv dominierte Veranstaltungen?

Eine mögliche Antwort liefert die Geschichte, zusammen mit ethnologischen Erkenntnissen. Es scheint so zu sein – wie wir heute durch die Erforschung archaisch organisierter Ethnien wie auch durch Interpretation und Rekonstruktion unserer eigenen diesbezüglichen geschichtlichen Daten wissen –, dass früher die drei Berufe Priester, Heiler und Medizinmann, Ritualkundiger und Ritualgestalter in einer Person vereinigt waren, welche jedenfalls nicht Herrschaftsaufgaben hatte, kein Jäger, Sammler, Soldat oder Krieger war, kein Viehhalter, kein Bauer, kein Handwerker. Diese Person war zuständig für die andere Seite des gemeinsamen Lebens, für die Verbindung zu den Göttern, für den Umgang mit ihnen – sie günstig zu stimmen, Unheil abzuwenden – für die Abhaltung der zweckentsprechenden Rituale, für die Choreographie des Umgangs mit dem Anderen. Dazu kamen wahrscheinlich Kenntnisse über heilkräftige Pflanzen, auch über die berauschende Wirkung von Pflanzen und Substanzen, welche die Stammesmitglieder in eine bessere Verbindung mit dem „Göttlichen“ bringen sollten; und ein Wissen über Psychologisches, wie wir es heute nennen würden, über das Verhältnis zwischen Oberflächen- und Kernfunktionen, ein Erkennen individueller Eigenheiten, ein Bewusstsein über Abwehr und Selbst.

Vorstellung

Das Interesse von Ärzten und Therapeuten an der Kunst oder die nicht so seltene künstlerische Praxis therapeutisch und ärztlich Tätiger könnten diese Verbindung, diese vorzeitige Verbundenheit heute noch nachzeichnen. Aber was können wir uns unter diesem „Anderen“ vorstellen, von dem immer wieder die Rede ist, das wir immer wieder heranziehen müssen im Versuch, etwas zu bezeichnen, das sich jeder Bezeichnung widersetzt? Seit dem Beginn der Erforschung des Psychischen in der Neuzeit durch Sigmund Freud und seine Nachfolgerinnen und Nachfolger zweifeln wir nicht mehr daran, dass es einen weiten Bereich in uns gibt, der dem bewussten Zugriff nicht zugänglich ist, der uns aber ganz wesentlich ausmacht und bestimmt und der sehr viel Einfluss auf unsere Wahrnehmungen, Handlungen und auf unsere Lebensgestaltung hat. Freud hat es das Unbewusste genannt; viele versuchen und haben in seiner Nachfolge versucht, Strukturen und Eigenschaften dieses „Unbewussten“ zu erkennen und daraus ein zeitgemäßes Bild des Seelischen zu gewinnen. Allen diesen Versuchen wohnt die Gefahr inne, kognitiv-sprachliche Gestaltungen in einen Bereich zu transferieren, in dem es – und da können wir uns sicher sein – eben keine Sprache und damit auch keine sprachvermittelten Strukturen geben kann. Mit der denk- und sprachgesteuerten Erforschung des „anderen“ Bereiches in uns laufen wir Gefahr, genau das wieder rückgängig zu machen, was womöglich die größte Leistung der frühen Psychoanalyse war: nämlich hinzuweisen und untrügliche Befunde dafür abzuliefern, dass es in uns noch mehr gibt als das Bild der Wirklichkeit, wie es uns das Ich mit seinen Funktionen vorgibt. Vorgaukelt, möchte man sagen, und schon sind wir in der Nähe von religiösen Metaphern aus anderen Kulturen wie Samsara und Maya, vermittels welcher die Relativität, die „Täuschung", Vorläufigkeit und Begrenztheit ichhaftvermittelter Wirklichkeitsstrukturen aufgezeigt werden soll – und Wegweiser für den spirituellen Weg, für die spirituelle Entwicklung gesetzt werden.

Diesseitiger und lebensbezogener müssen wir uns als aufgeklärte und immer wieder aufzuklärende Menschen der Neuzeit fragen, wie wir mit dem Anderen verfahren wollen – mit dem, worüber „man nur schweigen kann“, wie Ludwig Wittgenstein sagt. Früher war das alles Gottesdienst und Glaube, war der Priester eben gleichzeitig auch Seelenkundiger und gestaltender Künstler – selbst in Europa ist es nicht so lange her, dass der Abschied von den glaubenszentrierten Weltbildern begann; und der Abschied ist „bei Gott“ noch lange nicht vollzogen, wie die Gegenwart z.B. der Katholischen Kirche zeigt.

Conclusio

Ich möchte gerne vorschlagen, dass die Beschäftigung mit der Kunst – und zwar die vorurteilslose, aktive, bemühte Auseinandersetzung mit künstlerischen Ideen, Methoden und Vorgangsweisen dieses „Verfahren“ sein könnte. Genau betrachtet, haben wir gar keine andere Möglichkeit – dies in einem doppelten Sinn: Es gibt keine andere Möglichkeit, weil jede Auseinandersetzung mit dem „Anderen“ eigentlich immer schon Kunst war, nie etwas anderes. Theater, Gebärde, Pantomime, Mythos und Geschichte, Tanz, Musik, Skulptur, Architektur, Gemälde ... Aus diesen Ingredienzien besteht jedes religiöse Ritual und jede religiöse Installation und verdeutlicht die zentrale Rolle künstlerischer Ausdrucksmittel im Bannen und Beschwören des Unsagbaren und Unfassbaren.

Begegnung

Es gibt keine andere Möglichkeit in einem zweiten Sinn, weil nur und ausschließlich durch künstlerische Praxis, durch praktisches künstlerisches Bemühen – sei es nun rezeptiv oder produktiv (und allen eingefleischten reinen Rezeptionisten der Künste sei zumindest der gelegentliche produktive Versuch nachhaltig ans Herz gelegt – es macht bescheiden, achtsam und steigert die Empfänglichkeit) – eine gelebte und wirksame Annäherung an das Unfassbare in uns gelingt, die Begegnung mit dem Anderen in uns.

Dir. Prim. Dr. med. Harald Meller, Ärztlicher Leiter vom Sonnenpark,
pro mente reha Lans in Tirol



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